Ardian-Christian Kyçyku: Wie unter dem Himmel

Aus dem Albanischen von Zuzana Finger

Ihre Stimmen klangen wie unter Wasser. Wir stellten sie uns wie in Seifen- oder wie in gezeichneten Traumblasen vor und wir lächelten. Unsere Lächeln entfernten sich wie die Blasen, die kaum beachtet wurden. Seit Jahren war niemand von ihnen neugierig und gab sich die Mühe, unsere aufrichtigen Lächeln zu übersetzen. Sie hielten sie für die letzten Blasen eines Sterblichen, bevor oder wenn er die Seele aushaucht, als ob die Seele in einer Blase eingeschlossene Luft wäre und sich mit dem Wasser nicht vermischen würde. Als sich die Dämmerung am Abend auflöste und sich aus dem tiefen Blau Sterne über uns wie Stachel versammelten, schien es uns, als ob alle Blasen des Tages durchsichtige Eier wären. Sie stiegen zur dünnen Schicht hinauf, wo sich die Wasser mit den Sternenhimmeln berührten, und sie zerplatzten sanft und geräuschlos. Die Sterne verwandelten sich in Schneeflocken und Kristallblumen. Das Ganze ähnelte der Befruchtung, aber weniger der von Blumen, eher der von Fischen, die um uns herumtanzten. An Winterabenden nahmen Schneeflocken den Platz der Sterne ein, aber die Befruchtung unterschied sich nicht. Dies war das letzte Entzücken, das wir in Worte fassten, bevor sie der Reihe nach kamen, um uns nach draußen zu rufen, oder in das, was sie drinnen und nicht selten sogar drinnen im Leben nannten.

Als SIE und ich gelernt hatten, uns ohne Blasen zu verständigen, wurde die Zahl derer, die uns suchten, kleiner. Weil auch die Großeltern, Eltern, Freunde und Feinde eines Tages müde wurden oder die Hoffnung verloren. Wir beteten nur, dass sie uns nicht beweinen, wie Ertrunkene beweint werden. Vielleicht hätten wir uns etwa einen Monat vor der Flucht mit allen zerstreiten, sie aufs bitterste enttäuschen, ihnen unverzeihliche Dinge antun, ihnen die Wunden und Kratzer aufreißen sollen, die ihnen nur ein äußerst teurer Mensch hätte zufügen dürfen (denn es ist bekannt, dass nur Gott Gott ist, sagte sie mir). Wir haben es jedoch nicht zustande gebracht. Wir wussten nicht einmal, dass wir jemandem Geld schuldeten - und wir blieben an dem Tag ohne Blasen, an dem Männer und Frauen verschiedenen Alters, kurz nachdem auch der geduldigste Verwandte weggegangen war, der Reihe nach kamen und uns die Schulden aufzählten. Wir stellten ihre Wörter und Sätze in Versen zusammen und fragten einander mit den Augen. Die Gedichte klangen mehr oder weniger wie folgt:
Eine filterlose Zigarette / einen Kaffee mit Zucker / einen Tee /
Einen Apfel / zwei Kakis mit schwarzen Samen / ein Rechenblatt /
Zehn alte Lek / fünf neue Lek / einen Dollar /
Drei dünne Bücher / zwei dicke Bücher / der Autor ist jetzt nicht wichtig /
Eine Feder / zwei Tintenfässer / einen Füllfederhalter / ein Bonbon
Ein Wappen / zwanzig Briefmarken / einen bunten Hund / einen Kanarienvogel /
Ein Fernglas mit einem Rohr, ein Monokel mit zwei Linsen, eine blaue Feder / einen Bootsausflug /
Zwei Federspitzen / eine grüne Bluse / einen Pinsel / ein Zeichenheft
Einen Silberring / zwei Kleiderbügel / drei paar Ohrringe / eine Glitzerkrawatte / Vier Goldringe / zwei mit Edelsteinen / einen mit Adlerkopf /
Einen mit Schlangenkopf / ein Sandwich / zwei Oliven / einen Krug / acht Teller/
Einen Weinberg auf der Burg / zwei Hühner / eine schwarze Kuh / zwei Hähne /
Und so weiter. Nur Gott hat uns kein einziges Mal gerufen. Entweder weil er die SEHNSUCHT ist und alles sieht oder weil er der SCHMERZ ist und alles erträgt oder weil er nie endet.
Mit der Zeit wurden die letzten Verse dicker und schwerer und sie nahmen die Form von Staatschulden an. Sehr selten, wie um den bösen Blick oder irgendeine schwarze Magie zu bannen, kam heraus, dass wir auch einen Kuss, ein Augenblinzeln, eine Berührung in der Dämmerung, einen hastigen Atemzug, der den Schlaf und die Träume zerstörte, ein paar Schlafstörungen, ein paar Schlaflosigkeiten und ein paar Kinokarten schuldeten.
Wir haben nicht geantwortet, denn - das wäre der Gipfel -  sie hätten noch geglaubt, dass wir verrückt geworden oder ertrunken sind. Also waren wir gezwungen, uns wie zwei Ertrunkene zu verhalten. Aber wer war schon imstande gewesen, dank des Ertrinkens so viel Liebe, Aufmerksamkeit, Hingabe gewaltsam einzuheimsen, umso mehr von einigen Menschen, die uns freigiebig alles kostenlos gaben, bis hin zum Neid, Hass und Treuebruch?!
Wenn die Jahre nicht so schnell vergangen wären, hätte uns vielleicht die Tatsache leidgetan, dass sie uns missverstehen oder uns für etwas halten, was wir nicht sind. Vielleicht hätten wir uns bemüht, ihnen zu erklären, sie zu überzeugen, dass es um etwas ganz anderes geht. Aber die Zeit verging anders in der Welt der Blasen und der unendlichen Wasser und Himmel.
Als ob sie uns in unserem Stolz verletzen wollten, begannen sie, nacheinander oder auch in kleinen Chören, in denen Unterwasserklänge und -wörter aufeinander gepfropft wurden, ein Poem, das sich gleichsam anschickte, Homer oder auch den produktivsten unter den Lahutaspielern in den Bergen aus dem Gedächtnis zu löschen. Eines Tages fragte sie mich mit den Augen, ob wir vielleicht, während wir uns mit der Übersetzung jener Verse beschäftigten, die Zeit angetrieben oder ihr geholfen haben, schneller zu vergehen. Oder verging die Zeit einfach so, auch wenn man schweigen und die Menschen und Wesen nicht in einer Reihenfolge anordnen würde, die sich unvermeidlich in Zeit verwandelt?!
Komm, mein Sohn, meine Tochter, der und der, die und die, dein Opa wartet auf dich, deine Oma wartet auf dich, deine Mama wartet du dich, dein Papa wartet auf dich, deine Schwester wartet auf dich, dein Bruder wartet auf dich,
deine Freunde warten auf dich, deine Freundinnen, deine Erzieherin, deine Lehrerin, die Wache wartet auf dich.
Komm, mein Sohn, komm, meine Tochter, die Oma ist von uns gegangen, der Opa ist von uns gegangen, die Mama ist von uns gegangen, der Papa ist von uns gegangen,
die Berliner Mauer ist gefallen.
Komm, mein Sohn, komm meine Tochter, die Grenzen wurden geöffnet, du kannst frei sprechen, ohne dich zu fürchten, du kannst sagen, was du willst, du kannst schreiben, so viel du willst und was du willst. Komm,
mein Sohn, komm, meine Tochter, wir haben uns mit Amerika ausgesöhnt, auch mit Russland, auch mit China, auch mit den meisten Ländern von Ex-Jugoslawien.
Kommt, damit du siehst, wie die Häuser in die Höhe schießen, Cafés, Businesscenter, Flugzeuge groß wie Stadtteile. Komm, die Straßen werden länger, die die Herzen vereinen, die Telefonleitungen wurden abgeschafft und jetzt werdet ihr Telefone wie Streichholzschachteln haben, voll mit Bildern, Melodien, Vornamen, Nachnamen, Rufnamen, Zwischennamen und mit Nummern, so viel ihr wollt, und mit Spielen, von denen ihr nicht einmal geträumt habt, als
ihr geflohen seid.
Komm, sieh dir das Brautkleid an, das wir für dich genäht haben, was für einen edlen Anzug du auf der Hochzeit tragen wirst, was für Lackschuhe, was für eine Krawatte, was für Ringe wir für euch gekauft haben,
Komm,
Papa, komm Mama, ich bin es, kennst du mich nicht?! Komm, mein Herz, komm, mein Herz, wo bist du in Gedanken?! Lass uns zusammen einen Kaffee trinken, in Paris, Barcelona, Rom, New York;
Abu Dhabi, wo du
willst. Komm, das Essen ist kalt geworden. Komm, die Miete muss bezahlt werden. Komm, der Strom wurde uns abgestellt. Komm, das Wasser wurde uns abgestellt. Komm, du wurdest beschimpft und verflucht. Komm, ich bin ohnmächtig geworden. Komm, du wurdest in Abwesenheit zum Schweigen verurteilt. Komm, der Präsident spricht. Komm,
alle regierenden Parteien haben sich versöhnt. Komm, ich habe mir einen Dorn in die Ferse eingetreten. Komm, du bist Opa geworden, komm, du bist Oma geworden, komm, du hast das Rentenalter erreicht, komm, deine Memoiren wurden veröffentlicht, komm, man hat dich mit Dreck beworfen, komm, du wurdest in den Himmel gehoben, komm, du hast den ersten Preis, den zweiten, den dritten, noch mal den dritten, den Förderpreis bekommen, komm, du hast im Lotto gewonnen, komm, man hat dir dein Grundstück zerstückelt, komm, man hat dir das Haus weggenommen, komm, deine Grabstelle wird unter einem anderen Namen geführt, komm ...
Das zweite Lied des Poems enthielt „Denn“ und „Nicht“ und fuhr mit Vermutungen, Zweifeln und Erklärungen fort; begleitet von Seufzern, traurigem Mundverziehen, Händeringen und Kopfschütteln zum Zeichen von Trauer und Gram wie folgt:
Hörst du mich denn, siehst du mich denn, fühlst du mich denn?!
Mein Herz hört mich nicht, seine Stimme antwortet nicht, ich habe keine Stimme mehr, mein Herz, mein Augenstern ist hin, die Fische fressen ihn, die fleischfressenden Pflanzen fressen ihn, wer weiß, welche Tiere ihn fressen, wer weiß, wo seine Gebeine liegen, wer weiß, wann er aufgefressen wurde, und ich suche ihn und ich trauere um ihn und ich bin schlimmer hin als er, schlimmer als sie, schlimmer als sie beide.
Unter den langen Versen erschien gelegentlich eine Zeile mit „Wieso denn überhaupt, warum denn eigentlich, oh, du meiner, oh, du meine …“ Die Nomina wurden zu Pronomina, die Person in der Einzahl wurde multipliziert, die Verbzeiten entgleisten, zerbrachen, verwelkten. Manchmal gab es auch Beschimpfungen, Verleumdungen, Hohn und finsteres Lächeln, so dass wir nicht wussten, was wir mit dieser Verbohrtheit, mit diesem Schweigen und mit dieser Unersättlichkeit aneinander verloren haben. Denn es sind ja schon so viele Jahre, so viele Einladungen, so viele Rufe, so viele Wehklagen, so viele Menschen, so viele Filme, so viele Hoffnungsverluste passiert, und unsere Unersättlichkeit aufeinander konnte wissenschaftlich auch als folgendes beschrieben werden:
Entweder Verachtung, unerklärlicher Hass und Rache an ihnen,
Oder eine nicht ausreichend erforschte Krankheit, und folglich ohne Medikamente oder noch schlimmer, unheilbar
Oder eine Wahnsinnsliebe zu uns selbst,
Oder der Tod
Oder aber etwas anderes, worauf es keine Antwort gibt.
Wir haben uns noch einmal in Erinnerung gebracht, ohne die Augen voneinander zu lassen, dass wir nicht wissen, wo wir unsere Körper haben und ob wir sie noch haben, und wir haben uns mit einer unbekannten Sehnsucht und mit einem Mitleid jenseits des Alters an die Anfänge jenes Ereignisses und an die innigsten Verse jenes Gedichts erinnert. Wir haben nur gewusst, dass die letzten, die über den Wassern oder unter dem Himmel rezitiert haben, ein paar gebeugte Grauköpfe waren, die uns PAPA, MAMA nannten und über jeden von uns eine Blume hinlegten, die nur den Sternen, den Augen oder den Schneeflocken nicht ähnelte. Nein, schrien wir mit Blasen, vor Freude und Bitternis - ohne zu wissen, ob wir in einem ähnlichen Fall ihnen gegenüber so gehandelt hätten wie sie uns gegenüber -, nein, Blumen legt man auf Tote, wir legen auf euch keine Blumen, nicht, weil wir es nicht können, sondern weil ihr nicht tot seid. Wir sind nur eines Nachmittags aus dem Kino gekommen, nichts weiter, dass ihr das wisst, nichts weiter, wir haben gedacht, dass wir am Abend im See schwimmen gehen, haben uns ausgezogen, haben die Sachen an der Schießscharte des Bunkers gelassen, damit sie nicht nass werden, falls es regnen sollte, und wir tauchten ein, um uns unter dem Wasser in die Augen zu sehen. Nichts weiter. Dann, ich weiß nicht, wie lange wir getrennt waren, kamen wir einander näher, um uns klarer zu sehen, weil das Wasser etwas vom Glas ohne Grenzen und Worte hatte, und wir sagten etwas, das in eine einzige Blase eingeschlossen wurde. Aber es kann einfach ein zurückhaltendes, weibliches Lächeln gewesen sein, weil sie begannen, nach uns zu suchen, uns zu rufen und mit Booten und Ferngläsern und Tauchern umherzufahren. Wer konnte schwören, dass es auf der anderen Seite des Wassers, auf der anderen Seite des Himmels oder allgemein auf der anderen Seite besser war?! Und wenn jemand schwor, was wäre es nach so vielen Jahren wert?! Es herrschte Stille, die wusste, dass wir weder das Gedächtnis von Fischen, noch Herzen aus Stein, sondern nur die Seele verliebter Kinder hatten.