Ardian-Christian Kyçyku: Nicht gegessenes Papier

Aus dem Albanischen von Zuzana Finger

Einige Menschen haben überlebt, weil sie Papier gegessen haben. Es gibt sogar Schriftsteller, die Papier essen. Ihr Vorgänger war ein namenloser Mönch, der mit der rechten Hand schrieb und mit der linken aß. Es wird erzählt, dass ihm an einem Morgen der Erleuchtung aufgefallen war, dass er alles aufgegessen hatte, was er geschrieben hatte. Was mag in seinem Organismus geschehen sein? Welchen Sinn können für den Mönch der Akt des Schreibens, das Dasein als Schriftsteller, die Unsterblichkeit und die möglichen Leser besessen haben? Vielleicht hatte er einige wesentliche Antworten gefunden, die er aus Hunger, aus Wut, aus Macht der Gewohnheit oder aus einem starken Gefühl der Vergeblichkeit aufgegessen hat. Ein paar hundert Jahre später wurde der Mönch in meiner Heimat Albanien in einem anderen namenlosen Wesen wiedergeboren. Ein armer Sohn von namenlosen Armen, ein Sterblicher, hatte von seinem Vater nur eine Bibliothek geerbt. Bevor sein Vater starb, sagte er ihm diese Worte:

„Geld, Armut und Leben finden deine Kinder auch allein, aber solche Bücher wie diese nicht …”

Er musste die Bücher wie seinen Augapfel hüten. Sein Vater hatte sie den Kindern vom Mund abgespart, um sie kaufen zu können. Der Erbe konnte nicht wissen, dass das stalinistische Regime ab der Mitte der 50er Jahre eine Reihe von Büchern, hauptsächlich Hauptwerke albanischer und ausländischer Autoren, verboten hatte. Den Besitzern dieser Bände, die sie in den Altpapiersammelstellen nicht abgegeben oder in ihrem Hausgarten nicht verbrannt hatten, drohten drakonische Strafen. Indessen taten diese Bücher, wie die Mehrheit von ihnen überhaupt, nichts anderes, als dass sie die Menschen kommender Generation aufklärten, wie dieser Planet zerstört wird, welche hochherzigen Gefühle nicht mehr wiederbelebt werden und wie die menschliche Seele zu einem neutralen, aber dennoch käuflichen Objekt wurde.

Erschüttert kaperte der Erbe ein Fischerboot, füllte es mit den hinterlassenen Büchern und steuerte die Staatsgrenze in der Mitte des Ohridsee an. Zunächst wurde er von niemandem vermisst. Er war so unwichtig, dass er nicht vermisst werden konnte! Er ahnte jedoch den Wert der Bücher. Wenn sie nichts bargen, das mindestens die Lebensdauer des Regimes überstieg, wenn sie keinen Widerstand leisteten und zwischen den Deckeln keine Kraft bargen, die nahezu ein Zwilling mit der politischen Macht war, hätte sie der Staat nicht verboten. Warum hatte der Staat zum Beispiel nicht das Brot verboten?

Der Erbe übertritt ohne Schwierigkeit unsere Grenze, aber er betritt nicht die Gewässer des Nachbarstaates. Für uns ist er jetzt ein Volksfeind und für jene möglicherweise ein Geheimagent.

Er bleibt in den neutralen Gewässern stehen. Wenn er zurückkehrt, erwartet ihn ein Golgatha, wenn er weiter fährt, können ihn die Nachbarn so foltern, dass er ihre „Kunst” akzeptiert, d.h. dass er schwört, dass er - dank ihrer Schläge usw. - wirklich ein Spezialagent der Sicherheitsorgane ist, ein Agent, der die Mission hat, unseren Landsleuten, die allmählich ihre Sprache und Bräuche verlieren, Bücher in der Muttersprache zu bringen. Die Nachbarn haben schon immer gewusst, dass sich auch in einem einzigen Satz hinter den Metaphern, den Beschreibungen der Natur und des Wetters, hinter einem Augenblick der Lobpreisung oder der Trauer der Code eines sehr gefährlichen Spionagenetzes verstecken kann.

Die Bücher im Boot könnten jetzt mit anthologischer Aufmerksamkeit gelesen werden, so wie nur ganz wenige Bücher überhaupt gelesen wurden und wie sie nur von spezialisierten Lesern durchgearbeitet werden können. Der Flüchtling bleibt in neutralen Gewässern. Es ist, als ob er nie zuvor in den eigenen Gewässern gewesen wäre. Um den Hunger und die Angst zu vergessen, aber auch um besser zu verstehen, warum sein Vater diese Ziegelsteine aus Papier so sehr liebte, beginnt er zu lesen. Er liest nur am Tag, weil beim Anbruch der Nacht niemand ohne Licht lesen kann. Er liest und wartet, dass die unsrigen oder die Nachbarn den entscheidenden Schritt tun. Er kann sich nicht leisten, vor Hunger umzufallen und er ist gezwungen zu essen. Bücher. Am Anfang reißt und isst er die weißen Teile, die unbedruckten. Aber er kommt schnell bei Seiten mit Buchstaben an. Erst jetzt wird er zum Literaturkritiker und plagt sich mit Zweifeln, was er verschont und was er in Fäkalien verwandelt. Was soll eigentlich gegessen werden: die gelungenen Textteile oder die Anhänge? Wo ist die literarische Botschaft langlebiger: Nachdem sie sich in chemische und nicht nur chemische Elemente des Organismus aufgelöst hat oder wenn sie auf dem Papier aufbewahrt wird?

Die Grenzer der zwei Staaten haben den Erben eingekreist und warten. Sie können ihn nicht umbringen, weil dann rauskommen würde, dass keines der Regimes - ansonsten in ideologischer Gegnerschaft - demokratisch ist, und dass sie die menschlichen Grundrechte schwerwiegend verletzen, wie das Recht, in neutralen Gewässern zu wohnen, zu lesen und sich vom Papier zu ernähren. In der Zwischenzeit grübelt der Flüchtling über ein universales Dilemma: Welche Seiten soll er letztendlich essen und welche nicht? Von welchem Autor? Welche Thematik soll die Nahrung enthalten? Einige von den Seiten haben ihm beim Lesen außerordentlich gefallen. Da hat er die rettende Idee. Er sucht die Lieblingsseiten aus, reißt sie aufmerksam raus, als ob sie Kinderhaut wären, sammelt und ordnet sie hingebungsvoll und isst das andere Papier. Beim Essen segnet er die Autoren, von denen es etwas zu essen gibt, aber verflucht diejenigen nicht, an denen man Hungers stirbt. Zum Glück gibt es von den letzteren nur wenige. Aber nach einer gewissen Zeit sieht sich der Papieresser gezwungen, auch die ausgewählten Seiten zu essen. Verzweifelt bewahrt er jetzt nur Absätze, manchmal nur noch einen Satz, ein Wort, ein paar Satzzeichen, die Leerstellen zwischen den Wörtern und Buchstaben auf. Da erscheint ihm im Boot ein kleines Buch ohne Titel (oder mit einem aus einem anderen Buch entlehnten Titel) zwischen den Deckeln eines anderen Buches, unter dem Namen eines anderen Autors oder ohne den Namen eines Autors, – und das ist die Gelegenheit, dass wir ganz ernsthaft fragen: Ist dieser Erbe und Grenzüberschreiter Leser oder Autor?

Wie kann man einen solchen Schriftsteller oder Leser der Gnade von ein paar balkanischen Grenzern der 50er Jahre überlassen? Besonders nach dem II. Weltkrieg hat sich gezeigt, dass die Wirklichkeit eine grenzenlose und oft beleidigende Phantasie hat. Aber die Schreibkunst scheint nicht nur am menschlichsten, sondern auch am mächtigsten zu sein, und der Mächtigste ist nicht der, der hat, sondern der, der wählt. Also habe ich einen Autor der neutralen Gewässer gewählt, ich habe ihm einen Namen gegeben, ich ermöglichte ihm von Zeitungsseiten und von Buchteilen zu leben, die nicht mehr verdienen, als dass sie gegessen werden, und ich ließ ihn auf die Kälte der Grenzer zu treffen, die keine Schicksale lesen können, in einem inmitten von Gewässern geschriebenen Roman, die zwei von den Balkanliteraturen vereinen oder trennen. Dann begann ich Teile aus dem Romanmanuskript zu essen. Als ich satt wurde, las ich, was ich nicht aufessen konnte. Ich versichere, dass ich wirklich nicht mehr Seiten essen und dass ich auch nichts mehr außer den obigen Zeilen retten konnte, und dass mich mit Ausnahme des TODES nichts mit dem Tod bedrohte.