Festtag mit gebratenen Krebsen


Der Arzt, ein Mann mit einer seltenen Edelmut und einer seltsamen Körperform, führte den Priester zum Festtagstisch. Der Priester bewegte sich langsam, schwerfällig und prachtvoll wie eine Glocke. Für wen läutet der Priester, habe ich mich gefragt.
Der Arzt beseitigte mit Zärtlichkeit einige, in Bewunderung der einfachen Menschen erstarrtete Alten, die keine solche Feierlichkeit erwartet haben und bat den Priester den Festtagstisch zu segnen.
Es war ein riesiger, kaiserlicher Tisch, aber zu tod ohne den nichtsehenden Glanz des Segens, der die göttlichen Güter in irdische Speisen, wenn auch nur teilweise, verwandeln könnte.
Der Priester schloß die Augen, faltete seine dicken, rötlichen Hände, konzentrierte sich schnell und segnete diesen einfachen Tisch und dankte Gott für den auf diesen Festtagstisch gebrachten Überfluß.
Der Tisch ruderte unter den blaßen Funken der Kerzen: er war voll von gebratenen Krebsen. Er ähnelte mehr einem Tisch, wo die Kriegspläne vollendet wurden und die Krebse sahen wie Eisensoldaten aus.

Sie waren so viele und so gebraten, dass sie lebendig schienen, mit einer fast geologischen Hartnäckigkeit.
Gott, segne den Tisch der Menschen, die ewig verliebt in die Erde ihrer Vorfahren sind, den Tisch mit Krebsen, von denen Pavel, dein Diener, der sich in deinen Gewählten verwandelte, geträumt hat und segne diese demütige und arme Versammlung, Du, der die heimlichsten Gedanken der Sterblichen liest.
Die alte Sitte des Ostens vor jeder Versammlung zu fasten, verlängerte den Segen: er war länger als der Traum den Hunger gestillt zu haben und der Hunger löste sich langsam in die besondere Bitterkeit des verpflichtenden Fastens auf, das von dem möglichst mit leidlosestem Feingefühl hergestellt ist. Der wie Gewürzpaprika aussehende Teint des Priesters, die in ihrer Übersexualität schlafende Stimme und die nervösen Gesten eines kastrierten Metzgers, beruhigten auch die unbelebtesten hungerden Gedanken.
Eigentlich, wie es auch auf dem Plakat stand, haben wir uns nicht wegen des Essens versammelt, sondern um die Sehnsucht aus uns herauszunehmen.
Die Alten zerstreuten sich in den Saalecken, schwimmend in ihren vergangenen Gedanken, bekleidet mit bezaubernden ehemaligen Anzügen, die sie aus den Schränken herausnahmen, mit der kindischen Hoffnung, die Schränke nicht mehr zu schließsen, weil der Tod sich verspätet hat.
Der Arzt, der auch Meister der Familienanzeigen genannt wurde, hat sich mir genähert, ich weiß nicht wie, und sagte, dass er den Tod in jeder seiner Gesten und in jedem Ausdruck sah. Es ist irgendwie schmerzlich für mich, sagte er mir, aber ich kann diese Intuition nicht loswerden. Gleich nachdem wir uns irgendwo versammelten, fühlte ich, wer an der Reihe ist, zu sterben und gleich finde ich die Worte, mit denen ich ihn bis auf den Friedhof begleiten werde. Oft wachte ich nach Mitternacht auf, um zu schreiben. Es wird da nicht die dunkle Freude ausgeschlossen, dass ich zur Zeit noch nicht die Worte gefunden habe, mit denen ich mich selbst begleiten werde. Ha-ha-ha.
- Dieser Mann ist krank, flüsterte Blerta.
- Warum?
- Ich weiß es nicht…. Er hat etwas von einem Kind, das alt wird, ohne an der Reife vorbeizugehen. Er hat einen zu dicken Kopf, schmale Schulter, die geschlossen wie eine Muschel sind, und sein Lächeln erschreckt mich.
- Es ist so geschrieben, dass Frauen wie du erschreckt werden.
Eine dicke Dame, die seltsamste weibliche Replike des Priesters, kam zu uns um mit den Gläser anzustoßen, selbstverständlich zu Ehren des Arztes und sah auf Blerta mit Augen wie zerschlagene Eier. Ich war schöner als sie, flüsterte sie mir. Wenn du ein Weiberheld gewesen wärest, in der Zeit als ich schöner als sie war, wärest du mit Sicherheit verrückt nach mir geworden. Zweifellos, flüstere ich. Wir müssen unbedingt sprechen, flüsterte sie mir zu. Unbedingt! Ich hörte, dass du ein bekannter Schriftsteller bist, mit ich weiß nicht wieviel internationalen Preisen und ich habe keine Ruhe, bis wir nicht miteinander sprechen.
Blerta ging langsam zu dem Festtagstisch mit den gebratenen Krebsen.
Die dicke Frau mit den zerbrochenen Augen, flüsterte mir zusammen mit dem Rumgeruch einen schockierenden Satz zu: “Du sollst alles über mein intimes Leben erfahren und so darüber schreiben, wie nur du es kannst, weil du auch etwas in diesem Leben machen musst!”
Ich habe wirklich umsonst gelebt.
Aber es ist besser niemals, als später, dass heißt: besser später, als niemals.
Ein außergewöhnliches Leben, flüsterte sie mir zu, mit leidenschaftlichen Lieben, mit schmerzlichen Trennungen, mit politischen und totalitären Schmerzen, Sachen wie diese. Du solltest auch etwas in diesem Leben machen, nicht? Sicher, meine Dame. Und sieh, was für ein faszinierendes Finale dir am Ende meines Lebens beschieden ist!
Nach so einer hervorragenden Schönheit, kamen Tage, an denen niemand nicht einmal daran denkt, mich zu vergewaltigen. Wie kommt es, dass mich niemand vergewaltigt, liebes Genie?
Ja, meine Dame, das ist unfassbar!
Ja, das ist so. Unfassbar. Mit diesem Satz muss ich meinen Lebensroman beenden. Mit diesem Satz.
- Ein alter Mann kommt mir entgegen- flüsterte Blerta ein bißchen erschrocken.
-Er beißt dich doch nicht - sagte ich ihr. Bleib ruhig.
- Er ist sehr sympathisch - setzte sie fort. Aber er hat zu lange Hände.
- Es freut mich, sagte ich. Gott soll sie ihm kürzen, denn wenn ich es tue, wachsen sie ihm nicht mehr nach.
- Freust du dich wirklich?
Eine vertrocknete Frau, die du auch nur mit einem Auge sehen konntest, kam mir näher und hob einen filosofischen Finger, krumm wie eine Abweichung von der Religion. Ich freue mich, dass Sie von mir gehört haben, sagte sie mir. Mein Werk ist schon längst bekannt und hoch geschätzt, aber ich bin wirklich glücklich, dass mein Werk sich einen Weg zu den Seelen der jungen Leute wie Sie, bahnte. Du musst es mir nicht übelnehmen, aber ich habe aus ganzem Herzen gemalt. Ich habe schon gemalt, als ich noch nicht wußte, dass Farben existieren, und bis jetzt, wo ich die Welt nur aus Schwarz und Weiß sehe. Mein Vater war ein bekannter Kaufmann aus Revelado. Er starb von Sehnsucht nach seinem Ursprung überschüttet. Mit dieser Sehnsucht habe ich mich von kleinem Kind an ernährt und mit dieser Nahrung werde ich auch sterben. Es ist ein ganzes Leben zu erzählen, und ich möchte nicht ihre Zeit verschwenden. Ich habe ihre Werke gelesen und ich mag sie. Sie sind ziemlich streitsüchtig, ziemlich makaber, aber es geht. Jedermann ist ziemlich morbid in diesem Leben, nicht wahr? Genau wie Frau Z., zum Beispiel, die sich schon lange wundert, warum Sie niemand vergewaltigt. Was für eine Sache! Sie kann nicht verstehen, dass die Zeiten sich änderten und zusammen mit ihnen auch die Vergewaltiger.
- Es ist ein merkwürdiger Abend, flüsterte Blerta zu mir. Es ist sogar ein herrlicher Abend.
Wir müssen unbedingt sprechen, flüsterte mir Frau Malerin zu. Ohne meinen Beitrag am heutigen Wohlstand der nationalen Minderheit in Europa zu übertreiben, kann ich dir mitteilen, dass ich ein lebendiger Schatz bin. Fast alle Zwischenkriegler waren begeistert von meinem außergewönlichen Charme, du hast was zu schreiben. Wenn du etwas über das intime Leben der Zwischenkriegler schrieben möchtest, bitte ich dich sogar, dich an mich zu wenden. Ich werde dir jede unbekannte und wertvolle Auskunft anbieten.
Es war ein merkwürdiger Abend.
Niemand berührte vorläufig die von weither gekommenen gebratenen Krebse, nur der Priester kaute etwas dickes und eigensinniges.
Ich schaute meine Blerta an, die bekleidet mit einem schwarzen Abendkleid war, hoch, zart wie ein glänzendes Gespenst zwischen so vielen reizenden und gesprächigen Alten und ich sagte mir, dass ich sie trotzdem alle liebe, obwohl sie ihre Sprache vergessen haben und ich sie durch eine andere Sprache kennenlernen musste; ich liebte sie sogar entgegen meinem Willen, ohne zu verstehen warum.
Wir waren von einem unserer Freunde eingeladen, der sich jeden Monat mit der Versorgung der Lebensmittel und der Getränke der Stiftung Revelado beschäftigt und wir haben noch nicht alle, an dem Abendessen anwesenden Sommitäten kennengelernt.
Es war April, das Herz eines blutenden Frühlings, mit Vormittagen, die von der antwortlosen Wohllust der exotischen Blumen langsam ersticken; ich und Blerta waren frisch verliebt und glücklich, in dem betäubenden Wirbel dieser Flitterwochen, die gewöhnlich in einem endlosen bitteren Leben enden.
- Ich habe erfahren, dass die Stiftung vom Herrn Doktor geleitet ist, flüsterte mir Blerta zu
- Ich habe erfahren, dass er auch der Meister der Familienanzeigen ist- flüsterte ich ihr zu.
- Ich verstehe nicht.
- Weil du nicht genügend gebratene Krebse gegessen hast.
Der Arzt kam zu mir mit dem undurchdringlichen Lächeln eines Mannes, dessen Gesicht ohne Brille, ganz anders als das, mit Brille aussieht. Er hatte eine dicke Brille wie Glasböden und es ist nicht schwer zu glauben, dass er gleichzeitig in einige Zeiten sieht.
Der zu große Kopf für die Schüchternheit der unerfüllten Schultern, die blaßen Hände, die von zwei weißen lästerlichen Speichelpünktchen begrenzten Lippen: alle sind demütigend diesem undurchdringlichen Lächeln eines Mannes ohne ein stabiles Grundstück, dass heisst: mit unzähligen Besitzern, untertänig. Man sieht ihm in den Gesten diese langverarbeitete und feine Aufregung an, die für die Autodidakten spezifisch sind, denen es einige Jahrzehnte gelang, so zu scheinen, wie sie nicht sind und wie sie auch vielleicht bis zu ihrem Tod nicht sein werden; er hatte eine dubiöse Höflichkeit und verrät freiwillig einen fast planetarischen Servilismus und dieses Schweigen der grausamen Rache, die hungrig lauert. Oder, wie man sagt, er war ein Löwe gegenüber der Ratte und eine Ratte gegenüber der Kanone.
Ich hoffe, dass Sie sich unter uns wohlfühlen, sagte er mir. (Ich hoffe, dass Sie nicht von uns verlangen, dass wir Sie an der Brust stillen).
Sehr gut.
Wie Sie bemerken, sind die Leute einfach und sie widmen sich ganz unserer Sache. Sie sind alte Emigranten, von sehr weit gekommen und ein Leben lang vom Heimweh geplagt. Einige von denen waren nicht einmal in Revelado, aber sie können es kaum erwarten, den Besitz ihrer Vorfahren zu besuchen. Fünf große Firmenbesitzer beschäftigen sich mit der Finanzierung dieses historischen Ausflugs und wir hoffen, dass wir bis zuletzt dort ankommen.
Gott soll Ihnen helfen, sagte ich.
Manchmal bin ich sehr traurig, Sie verstehen mich, flüsterte mir der Arzt zu. Einige von denen sind sehr alt, mit einem Bein im Grab, wie man sagt (und mit einem Bein können sie nicht gut reisen, fügte ich hinzu) und ich habe schon zehn Familienanzeigen vorbereitet. Es ist schmerzlich.
- Wieso sammeln Sie sie nicht in einem Band, zusammen mit denen, die Sie bis jetzt geschrieben haben?
Er schwieg.
Als er begriffen hat, dass ich mich nicht über ihn lustig machte - und das begriff er nur, weil er schon lange von einem Buch mit Familienanzeigen träumte - hatte er fast aus dem Leben der Gemeinschaft Revelado geschrieben.
- Was für eine Idee, Herr Mitbürger! Erlauben Sie mir, Sie als genial zu betrachten!
- Gern, sagte ich. Ich habe auch meine Auftritte.
- Ich könnte glauben, dass es einen riesigen Erfolg haben wird.
- Ich bin überzeugt. Vor allem wenn der Mensch sieht, wie die Surrogate die Buchhandlungen überfallen haben….
- Das ist so. Die Kultur ist viel zurückgegangen. Die Menschen denken nur an Sex und an Geld.
- Die Krebse werden kalt.
- Wir machen sie wieder warm. Ich wollte Ihnen sagen, dass ich alles mögliche machen werde, die ganzen Familienanzeigen meines Lebens in einem Buch zu sammeln. Ich verspreche es Ihnen. Wenn du besser nachdenkst, habe ich sie fast fertig. Mein Gott: vor zwei Jahren habe ich einige gesammelt, als ob ich gewußt hätte, dass ich sie eines Tages veröffentlichen werde…
- Das Leben ist voll solcher kleiner Wunder. Diejenigen, die noch nicht gestorben sind, werden leichter sterben, nachdem sie gelesen haben, wie schön Sie über die anderen geschrieben haben, und sie werden sogar Opfer machen, damit sie sich ihre Familienanzeigen verdienen.
- Vor allem, wenn du weißt, dass viele von ihnen nur in der Hoffnung leben, in Revelado anzukommen. Schauen Sie, wie appetitvoll sie die Krebse aus ihrem Land essen!
- Genauso wie wir die geliebten Frauen essen möchten.
- Ha-ha-ha, genauso, genauso.
Aber warum vergewaltigt mich niemand, meine Herren? Das ist das Geheimnis meines Lebens. Du, meine Liebe, musst ein großartiges Bild diesem Geheimnis widmen, nicht? Du musst auch etwas in diesem Leben machen, nicht?
Hinter den Kerzen des Tisches erhebt sich ein großes Fenster. Die Vorhänge waren aus weißer Seide, durchlöchert von dem schlechten Geschmack, der nach dem Fall der Berliner Mauer erwachten Versager. Die Löcher imitierten einen Tränenschneefall, an irgendeiner der westlichen Weihnachten gefallen, während sich draußen der April wie ein lebendiger Schneefall ergießt, wie eine Resignation des Winters, in seinem ganzen heiligen Glanz der Leere in unseren Bäuchen. Der Arzt bemühte sich, noch erstaunter und noch glücklicher als ein Kind von dem Glück der Alten zu sein.
Ich fühlte wie er verzückt atmete, mit einem allverstehenden Lächeln eines einbalsamierten Philosophen, wie bei einem unerwarteten Orgasmus.
Der Priester kaute immer noch, in einem messianischen vollkommenen Fasten.
Ein Junge, wie aus Wachs gegossen kam zu uns, mit kurzen Haaren, mit blauen Augen, im schwarzen Anzug, ein entfernter Missionär, ohne dessen Redekunst sich Gott das Leben genommen hätte.
Sie sind traurig, meine Herren, sagte er uns. Es ist schwer den Ton einer Frage, die sich je vertraulicher wollte, von der Sicherheit eines Mannes, der dir auch den nichtgeschriebenen Brief lesen könnte, zu unterscheiden. Aber Sie müssen nicht mehr traurig sein, weil Gott Sie liebt. Ja? Ja. Sie haben keine Ahnung, wie sehr er Sie liebt. Gott liebt Sie sehr. Er liebt euch mehr, als ihr erwartet. Gott ist groß und verzeihungsvoll. Gott ist derjenige, der auch die Sünden verzeiht, aber ihr müsst wirklich Reue empfinden und nicht mehr sündigen. Abgemacht, Pfarrer! Ich danke Ihnen, sagte der Arzt. Ich mache Sie bekannt. Dieses ist der Missionär unserer heiligen Kirche der letzten Tagen. Er ist seit drei Jahren bei uns in Mission und er nimmt regelmäßig an allen Versammlungen der Stiftung teil. Er holte sehr viele Verlorene von den Wegen des Teufels zurück. Er hat auch uns sehr viel geholfen.
Gott hat uns geholfen, sagte der Missionär.
Der Priester schaut uns an, vielleicht unsere unbewußten Sünden kauend.
Der Missionär war ein Junge mit kurzen Haaren, von sehr hoher Gestalt, sehr sauber. Er schaute dich an, mit einer so verführerischen Naivität, dass du ihn lieber mit Faustschlägen bearbeiten würdest, nur um seine Verzeihung zu bekommen.
- Er ist reizend, dieser Missionär, flüsterte mir Blerta zu.
- Aber er hat sich sehr erwärmt; er muss raus aus der Steckdose.
- Du sollst jetzt nicht morbide sein.
Das Lied aus dem Kasettenrekorder, festlich und in Harmonie mit dem Verlöschen der Kerzen, kündigt die Unterbrechung der Diskussionen an. Der experimentierte Knoblauchgeruch der nichtvergewaltigten Frau kam uns näher und sagte uns, dass wir einige wirklich historische Momente leben.
Blerta sagte zu mir, dass sie solche Momente noch nie gelebt hat: sie lebte nur glückliche, schwere, schmutzige, neutrale, gemischte oder sinnlose Momente.
Wir schweigen auch unter der historischen Spannung dieser Momente.
An der linken Wand des Saales ist unerwartet ein weißes, von schwarzen Fliegen durchlöchertes Quadrat erschienen, danach hat ein Schloß den Himmel aus Tuch verschlossen, während die heuchlerische Stimme des Arztes sagte, dass wir uns vor dem berühmtesten balkanischen Schloss befanden, das ein uraltes Schild Europas gegen den otomanischen Überfall bildete.
Es war ein uraltes ruhmreiches Schloss, in dessen Fundamenten nicht nur eine wundervolle Frau eingebaut war, sondern alle Einwohner der Herkunfstheimat haben sich hier die Köpfe zerschlagen.
Vor dem Schloss gingen wir vorbei an einer uralten Kirche, die von Zypressen eingezäumt war. Es war eine wunderbare Kirche, voll mit seltenen Ikonen, die die ausländischen Turisten und Millionäre um jeden Preis kaufen wollten, aber die ruhmreiche Geschichte aus Revelado wollte sie nicht verkaufen. Meine Lieben, sagte der Arzt, die Geschichte ist klüger als wir glaubten. Sie verzeiht nicht, sie stiehlt nicht, sie kompromittiert sich nicht. Schauen Sie sich diese Stadt aus Stein an. Es scheint, als ob das Leben hier nicht existiert, dass es unter der Kruste des Steines gestorben ist, aber das ist nicht wahr. Revelado lebt, auch wenn seine Städten aus Stein, aus Strohlehm, aus Holz oder aus Gedanken gebaut sind.
Revelado ist ein Rätsel der heutigen Zeit, nicht nur wegen seiner geographischen und politischen Position, sondern auch wegen der Eigenschaften des Charakters seines Volkes. Wir sprechen hier über ein uraltes und erfülltes Volk, das eine uralte und sehr besondere Sprache spricht, ein Volk das sich nicht assimiliert hatte in Hunderten von Kriegen, Invasionen, bürgerlichen Kämpfen, sozialen, materiellen, spirituellen Schwierigkeiten.
Auf dem Tuch ist ein Park erschienen.
Schauen Sie, was für Bäume in Revelado wachsen, kommentierte der Arzt. Einige ganz außergewöhnliche Bäume. Wir sollen akzeptieren, dass auch die Kriege, ohne zu wollen, eine ganz wichtige Rolle im Wachstum dieses Stadtprestiges gespielt haben. Es kamen die Lateiner und haben einiges angebaut. Es kamen die Otomaner und haben etwas anderes angebaut. Und so weiter. Wie Gott sagte: alles Böse führte am Ende zum Guten.
Ich fühlte wie Blerta in Schweigen weinte.
Ich küßte sie auf die Stirn.
Sie weinte noch mehr, in einem noch tieferen Schweigen.
Unsere Vorfahren waren von den Schicksalsschlägen der Geschichte gezwungen, ihre Traumheimat zu verlassen. Sie kamen hierher und haben Ruhe und Gastfreundschaft, Frieden und liebe Herzen gefunden und wir sind allen Leuten dankbar.Wir sehen jetzt einen Weg, der durch einen der magischen Wälder aus unserem Herkunftsland geht. Dort befinden sich viele Wälder. Die Natur dachte nicht daran, sich an den Menschen zu rächen, weil das Benehmen der Menschen entsprach den Erwartungen der Natur.
Schauen Sie, was für eine Herrlichkeit! Was für riesige Wälder, was für Grünland, was für alpine Seen! Kiefer, Eichen, verschneite Berge, göttischer Himmel, kluge Ziegen, weise Schäfer, Volkstrachten von einer wirklich überwältigenden Schönheit. Im Gebirge befinden sich Schlösser und Burgen, in denen historische Dokumente von einem unaussprechlichen Wert liegen. Es liegen epische, folklorische und lyrische Heldengedichte, die von anderen Völkern berechtigt beneidet werden. Die Kirchen und die Moscheen schauen wie nonkonformistische Finger aus.
Die Städte sind klein und bezaubernd.
Gleich nachem du dich in einer Stadt befindest, gleich nachdem man erfährt, dass du von weit weg kommst und wer du bist, umgeben dich alle Leute mit viel Verständnis und Liebe; laden dich zu einem Kaffee ein, zu einer sauren Suppe, zu einer geistreichen Diskussion und sie lassen dich nicht bezahlen. Die Leute ärgern sich gerade wenn du versuchst, zu bezahlen. Es sind schöne, ruhige Menschen, mit einem seltenen Edelmut und noblem Blut, das von keiner Teufelsakademie betrübt wurde.
Es erscheint die Landkarte des Staates Revelado. Durchzogen von grauem Gebirge,von einigen Strömen, von Bächen, die Eisenbahnwege schienen wie Riegel.
Ich habe eine ganze Sammlung von Gemälden aus Revelado, flüsterte mir die Malerin zu. Waren Sie jemals dort, liebe Frau? Nein, aber ich weiß auswendig, wie es ist. Es ist wunderbar. Meine Sammlung war von vielen artistischen Persönlichkeiten gut geschätzt, ich werde Ihnen auch die Zeitschrift, in der darüber geschrieben wurde, bringen.
Machen wir eine patriotische Musik an, rief eine Stimme.
Ohne Musik sind die Landschaften zu blaß, nicht?
Sie haben recht, liebe Frau, küß die Hand, sagte der Arzt.
Jemand setzte eine Kassette mit Volksmusik aus Revelado ein. Sie war zu eng, die Luft im Saal (der Reise), seelisch bedroht von viel Sehnsucht in Form eines Seufzers.
Hier werden wir durchgehen, meine Lieben, sagte der Arzt.
Es war eine graue Straße. Ringsherum: nur Felsen und dicke Stämme. Eine Krähe flog in der Luft. Es ist ein Adler, flüsterte mir die Malerin zu. Schauen Sie, was für einen erobernden Adler! Die landen auf der Erde wie Pfeile, stecken den Schnabel in ein Schaf ein und zerstückeln es, sich zu den Gipfeln der Bergen erhebend. Das ist wahrhaftig ein Männchen.
Es ist mir ein bißchen kalt, sagte Blerta. Du mußt dich noch gedulden.
Der Weg schlängelte sich zu einem Tunnel.
Der Saal versenckte sich in den Tunnel.
Dunckelheit. Verzehrt von einem, seit mindenstens zehn Jahren gekauften Parfüm.
Sonne.
Blendend.
Schauen Sie sich diese Sonne an, meine Damen und Herren! Ihr Licht ist ein wirklicher Segen, ohne von den Wohltaten für den weiblichen Teint zu sprechen. Deswegen, haben die mütigen und wundervollen Frauen aus Revelado, eine absolute Reinheit im Blut; sie sind brav, genauso wie ein Mann sich respektiert, träumt; und sie haben eine überwältigende Leidenschaft in der Liebe. Wenn dich eine Frau aus Revelado liebt, wird es keiner anderen gelingen, dich noch einmal zu erobern.
Also, wir sollen beten, dass eine von denen uns liebt, flüsterte eine männliche Stimme, damit wir nicht Homosexulle werden!
Ein schwaches Gelächter.
Ruhe, bitte, verlangte der Arzt. Wir kommen am Meer an.
Wir kommen am Meer an!
Ich kann nicht glauben, dass es draussen\ schneit, flüsterte mir Blerta zu. Ich wünschte, dass wir im Hotel wären, in unserem Zimmer und uns liebten. Wir werden schon dort ankommen. Ich sehne mich nach dir, ich liebe dich sehr. Ich dich auch. Dort ist das Meer nicht verschmutzt, es ist voll von Fischen und Meerestieren, die schon längst von dem europäischen Markt verschwunden sind. Dort hat das Ozon kein Loch wie im Rest der Welt. Das Jod heilt dich von jeder Krankheit, ausschließend AIDS und das Alter, selbstverständlich, (Aber vom Asyl heilt es dich, fragte ein bärtiger Alter), und der Sonnenuntergang ist von einer richtig schrecklichen Schönheit.
Es erschien das Ufer des Meeres, grau, mit einer Honigschattierung und einige Pärchen, die sich mit dem Horizont verschmelzen. Die Schiffe waren stehengeblieben, schwarz, die Wellen und der Schaum wischten die Spuren der Verliebten aus.
Oh, du unsterblicher Zauber der gefilmten Sachen, zögerte ein Alter. Es ist wahr, dass der Mensch, in diesen historischen Momenten, ein Herz aus Holz braucht.
Die Luft wurde heiß.
Die Gesichter der Zuschauer waren blaß, beleuchtet, erstarrt, erstaunt. Das Alter ist aus diesen Blicken verschwunden, und ist plötzlich kindisch geworden, unter dem Gewicht der Sehnsucht; Schweigen.
- Oh, weh!- seufzte eine Frau.
In diesem Hotel werden wir uns ausruhen, sagte der Arzt.
Einen schwacher Erleichterungslaut.
Wir können die Emotionen und das Gepäck abladen. Es ist April, Frühling, weder zu kalt, noch zu heiß, eine glückliche Zeit auch für die Skeptiker unter uns. Ruhen Sie sich nur aus, meine Lieben, wir sind angekommen.
Die Bar des Hotels war leer.
Die Kellnerinnen, in weißen Arbeitsanzügen, sprachen mit dem Pförtner. Der Pförtner war ein kleingewachsener und rasierter Alter, ehemaliger Teilnehmer an dem vorigen Weltkrieg.
An den Tischen waren Pläze für alle Leute, die Sessel schauen wie Bären aus, die von zu viel Langeweile gezähmt wurden.
Ich bitte Sie, rief uns eine Kellnerin.
Niemand ging hinein.
Die Kellnerin lächelte mit dem Ausdruck eines einfaches Menschen, der unerwartet ertappt wurde in dieser Sache mit Fernseher, Werbung, Ruhm. Der unsichtbare Gast trat in einen Flur ein. Es war ein kaffebrauner und stummer Flur. Eine Frau schaute ihn erstaunt an. Sie lächelte auch. Der Unsichtbare schwieg weiterhin. Er hatte einen unwiderstehlichen Charme, weil alle Wege, alle Türen, alle Gesichter, alle Münder eröffnen sich vor ihm.
Ein Zimmer für euch, sagte der Arzt.
Hat es eine Wanne, Herr Doktor?
Es hat eine Dusche, eine Wanne, Handtücher und Seife. Es hat ein Fenster und einen Balkon, ein Schachspiel und ein Tricktrack, so wie auch einen Fußball. Das Zimmer hat auch sehr viel Ruhe und es ist von den ersten reinen Strahlen der Morgendämmerung besucht, dazu Frühstück, das im Zimmer serviert wird, auf unsere Bestellung.
Wein nicht mehr, sagte ich zu Blerta. Wenn du weinst, tut es mir weh, weil ich schon lange nicht mehr weinen kann.
Verzeihe mir, mein Lieber.
Ich will mich nicht impotent fühlen, nicht einmal im Bereich des Weinens, sagte ich ihr. Verzeihe mir, mein Lieber.
Wir sind in Revelado, meine Lieben!
Wir sind wirklich in Revelado. Jeder kann machen, was er will, kann gehen, wohin er will, kann besuchen, was er möchte, was noch?! Ich gehe in die Nationale Kunstgalerie, sagte die Malerin. Kommt jemand mit mir?
Ich komme mit, anwortete ein Herr. Seit langer Zeit weiß ich nicht mehr, wie ein Gemälde in Revelado gemalt, aussieht. Vorigesmal war die Galerie geschlossen.
Ich gehe zu dem moslemischen Friedhof, sagte die nichtvergewaltigte Frau. Die Urgroßeltern meiner Eltern liegen dort begraben und ich möchte einen Blumenkranz niederlegen, weil sie große Patrioten waren; ich hoffe, dass die Kränze nicht so viel wie hier kosten.
Im allgemeinen, sagte ein Herr aus der Dunkelheit, sind die Menschen, die vor hundertfünfzig Jahre gelebt haben, große Patrioten.
Drei Männer gingen zum Stadion.
Ein Offizier in Rente war von den ruhmreichen Bunkern aus Revelado bezaubert; drei Damen blieben an der Bar um einen der berühmten Kaffees zu trinken; ein Diabetiker hat sich entschieden, das Eis mit einem Parfait Revelado zu brechen; zwei Ärzte gingen zu einer Geflügelzuchterei ( kein Raubtiere, unsere Bemerkung); der Saal wurde in drei Minuten leer.
Aber wohin gehen wir, flüsterte mir meine Blerta zu. Und ihre unerhörte Angst erschreckte mich: man könnte sagen, dass sie wirklich nicht weiß, wohin wir gehen.
- Wir werden ins Ausland fahren - sagte ich ihr.
Möchtet ihr vielleicht, dass wir euch trauen, hörte man die schmeichelnde Stimme des Priesters.
Gott liebt euch, kam auch der Missionär; es ist nicht schlimm, wenn ihr heute heiratet.
Ist so was noch vorgekommen, fragte ich.
Wie nicht, jeden Monat.
Jemand ging zu dem Tisch mit gebratenen Krebsen, wo die Krebse, stumm und untertänig wie Schachfiguren, wachten.
Wir gingen nach Revelado, aber die gebratenen Krebsen haben wir hier gelassen. Aber wir werden andere Krebse fangen, zur passenden Zeiten und zum passenden Platz. Und wir werden sie dort braten. Und sie haben sich dort getraut, in der Anwesenhei sovieler gebratener Krebsen, im Mittelpunkt des Festes; sie haben sich in einer dritten Sprache getraut. Sie haben nichts aus der Heimat gehabt, außer sich selbst und den Krebsen ( das Gebratene war auch fremd). Und danach wurden die Krebse von den Festteilnehmer gegessen, und sie blieben allein. War es genug? Es waren sehr kleine Krebse und niemand dachte daran, dass sie darauf warten, zerstückelt, verschluckt, verdaut zu sein, weil alle Menschen das Land ihrer Vorfahren besuchten.
Ich habe eine Muschel gefunden, rief eine Frau vom Ufer des Meeres. Eine wunderbare Muschel, bitte zünden Sie eine Kerze an, weil ich nichts sehe. Ich möchte sehen, ob sie eine Perle hat. Die Muscheln aus Revelado sind alle voll mir Perlen, beruhigte sie der Arzt. Gott helfe, sagte die unsichtbare Frau. Wenn ich eine Perle finde, werde ich sie verkaufen, um das Grab meines armen Mannes zu bezahlen. Es wird ihm gefallen, wie ein König begraben zu werden, von einer Perle aus seinem Geburtsstaat. Nicht? Ich habe ihm vielmals gesagt: laß mich nicht allein, weil ich dein Grab nicht bezahlen kann. Verkaufe eine dieser Perlen, sagte er mir. Finde sie und verkaufe sie! So, als ob er gewußt hätte, dass ich diese Perle finde. In den früheren Reisen hatte er auch Muscheln geoffnet, aber er hat keine Perle gefunden. Wer weiß, wieviele Muscheln er geoffnet hat, bis er starb…
Sicher, meine Frau.
Jemand zündet eine Kerze an, draußen schneite es langsam, schweigsam, man konnte nur das scharfe Knirschen der Zähne hören, durch die die kleinen und von weither gekommenen gebratenen Krebsen nur zerstückelt durchgehen. Er liebte mich wie verrückt, wie verrückt, flüsterte die bis jetzt nichtvergewaltigte Frau. Er war ein Prinz in seiner Art. Er fuhr in ein anderes Ausland, obwohl er mir versprochen hat, dass wir heiraten werden und dass wir uns ein Haus in Revelado kaufen werden. Diese Liebe meines Lebens wird das erste Kapitel ausfüllen, das “Auswanderung, die Geier sollen dich fressen!” genannt wird. Das Kapitel wird mit erfolgreichen Zeichentricks von unserer Malerin begleitet, die von ihrem Meisterwerk “Subaquatischer Plan” beherrscht ist. Das zweite Kapitel wird… betitelt sein. Alle Menschen kamen mir nach, gestand der Arzt. Herr Doktor, Ihre patriotische Arbeit erinnert uns an unsere großen renaissancistischen Kämpfer, erinnert uns an unsere großen Unsterblichen. Allein dort im Ausland, unerschrocken, unbesiegbar, machen Sie dieser Erde einige Dienste, die mit goldenen Buchstaben auf die Blättern unserer Geschichte gedruckt werden. Was sollen wir in erster Reihe erwähnen: die unsterblichen Werke, die Hunderte von Artikeln und Mittelungen, die Dekorationen und die Medaillen, die Kongresse und Symposien, wo Sie uns mit einem sehr hohenwissenschaftlichen Niveau vertreten haben? Und wenn du daran denkst, dass zu dieser Zeit mein Buch mit Familienanzeigen aus unserem Gemeinschaftsleben noch nicht erschienen ist… Herr Doktor… Eine überwältigende Landschaft. Ich ärgerte mich, dass keine meiner Nächte mit den Geliebten so eine Kraft, eine Stärke gehabt haben. Erdbeben, Erdbeben, meine Liebe… Ich flehe dich an, mich zum Hotel zu führen, sagte Blerta. Es ist seltsam, es ist schön, aber ich werde hier sterben. Ich flehe dich an.
Sogar die Krebse gingen von dem Tisch. Sie lagen in den nostalgischen Bäuchen der Festteilnehmer, verschmolzen und gedächtnislos, während die Schüsse der Secktflaschen uns bis zum Ausgang nachfolgten.
Unter dem Schneefall, seltsam aufatmend, habe ich den Eindruck, dass ich ein schönes Gespenst liebe, und Blerta schaute erstaunt auf die Geschäftswerbungen, auf die, in Demütigung erfrorenen Bitten der Mannequins und sagte mir, dass wir trotzdem fast ein Viertel Jahrhundert in Revelado gelebt haben, aber diese lieben Alten kamen jeden Monat in unser entferntes Vaterland, und sie entdeckten einige Sachen, die wir, in heißem Wasser segelnd und immer jenseits von dem Zauber der einfachen Freude und Liebe, nicht bemerkt haben. Wir wußten nicht einmal wie köstlich unsere väterlichen Krebsen sein können. Nur, dass seit dann genau soviel Zeit verging, wieviel die schon gegessenen Krebsen brauchten, um uns zu Fuß zu erreichen, sich bei jedem Schritt in der mitleidlosen Hitze eines alten Traumes, der sich niemals, nirgends erfüllte, bratend …


 Bukarest, 1996