Die Schaufel

Aus dem Rumänischen von Georg Aescht  

Vielleicht werden die Menschen auferstehen, mit ihren Schwächen tretend über den Tod hinaus, oder verwesen, mit ihrer Dummheit tretend über die Weisheit hinaus, doch jener Zauber der Stadt von einst, jener unverwechselbare Ruch bitterer Armut, die in der Schönheit des berückenden Spiels mit dem Tod aufgeht, wird nicht mehr wehen in jenen Gefilden.
Weshalb auch.
Für wen auch.
Jene Stadt, wunderbar ob der Gegenwart des Sees zur Sommerzeit und transzendent ob der Schneestürme zur Winterzeit, hatte außer der bitteren Armut, der vergeblichen Schönheit und der Verrücktheit, die im übrigen jeder Stadt der Welt eigen ist, auch noch einen verrückten Dichter.
Die Stadt war zu klein und zu verschlossen gegenüber der Welt, als daß sie zwei oder mehrere Dichter dieser Art hätte haben können. Der verrückte Dichter der Stadt war sehr anziehend, da man aus ihm nicht klug wurde, ob er nun eher ein Dichter oder eher verrückt war, und sich niemand mehr erinnern konnte, wann er damit begonnen hatte, verrückt zu werden oder Gedichte zu schreiben. Er lebte im Erdgeschoß eines Gebäudes, das vom schöpferischen Aufschwung des patriotischen Arbeitseinsatzes übriggeblieben war, in der Nachbarschaft einer fast ständig abwesenden Horde von Bärenführern, deren Verschläge die unübertreffliche Sinnlichkeit des Nomadentums verströmten und damit die gesamte Vorstadt erfüllten.
Er war ein Mann ohne Alter, ohne Zähne, ohne viel Haar auf dem Kopf, ohne viel Kopf auf den Schultern, den Leib steif gereckt, als würden seine Schultern von einem Kleiderbügel an einem unsichtbaren Haken gehalten. Das Fehlen der Zähne und das stets unrasierte, aber nie behaarte Gesicht verliehen ihm die Anmutung eines Tieres, das dazu verdammt ist, just dann zu erstarren, wenn es sich anschickt, seine geschlechtliche Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Er trug immer ein erdfarbenes Stoffsakko und ein Hemd, das wohl gleich nach dem ersten Hemd dieser Welt genäht worden war; die Arme hingen allzulang herab, und statt eines Gürtels und eines Reißverschlusses hatte er seine Hose mit einem, wie er ihn genannt hatte, gestutzten, also stachellosen Draht zusammengezurrt.
Morgens zog er mit jener schmerzlichen Überheblichkeit der Verrückten und jener berückenden Ausstrahlung der armen und im Oberstübchen nicht mehr ganz heilen Dichter durch die Innenstadt, verharrte einen Augenblick vor dem Denkmal der Märtyrer des Volkes, grüßte ehrerbietig die bedeutendsten in Marmor gehauenen Vertreter und ging dann zum abertausendsten Mal seinen immergleichen Spazierweg ab, wobei er langsamen Schrittes sämtliche Gäßchen der Stadt beseelte. Nachmittags spazierte er am Seeufer entlang, unter den von süßer Ironie und bitterem Mitleid kündenden Blicken der sonnenbadenden Frauen oder unter den leicht wehmütigen Blicken der alten Touristen, die ihre steifen Glieder in der Sonne lockerten oder den grauen Strand mit ihren Fotoapparaten rhythmisch beleuchteten, während die Möwen Kreise und andere geometrische Figuren durch den Flockenwirbel zogen, bevor sie in weniger schöne, aber auch weniger langweilige Himmel entschwanden.
Der Dichter wandelte durch das immer unbegreiflichere Gewirr der Jahreszeiten, den Blick starr zu Boden gerichtet, ohne irgendjemanden zu grüßen, ohne von irgendjemandem gegrüßt zu werden, kein anderer Einwohner der Stadt schrieb Gedichte, sie hatten keine Ahnung, was Poesie ist, sie meinten, es handelte sich um das Symptom eines Todes, das ausschließlich Verrückte befiel, während der Dichter wissen mochte, daß die Stadt ihn längst in eine vergessene Ecke ihres fleischfressenden Gedächtnisses verbannt hatte, bis zu der nicht einmal die Müllmänner vordrangen; ganz wenige Menschen, in der Mehrzahl versoffene Intellektuelle, erinnerten sich dann und wann an ihn. Nur die Kinder sprachen ihn oft auf der Straße an, nach einem Ritual, das einst jene Kinder entdeckt hatten, die jetzt schon beinahe alt waren, und baten ihn, etwas vorzutragen. Der Dichter blieb stehen, ohne sie anzusehen, sammelte sich, als sei ihm die unglaubliche Ehre zuteil geworden, einem über die Gleichgültigkeit der Stadt erhabenen Wesen zu begegnen, reckte seinen ohnehin sehr geraden Leib und rezitierte. All die letzten dreißig Jahre hindurch rezitierte er Gedichtchen aus seinem noch unveröffentlichten Band mit dem Titel „Ich rage wie das Gras, sie ragen wie die Sichel“. Beim Vortrag machte er wegen der fehlenden Zähne, nach denen die Kiefer in unstillbarer Sehnsucht entbrannt schienen, den Eindruck, als kaute er etwas. Eigentlich wußte niemand, wovon sich dieser verrückte Dichter oder dichtende Verrückte ernährte. Man munkelte, daß er von seinen Urgroßeltern ein Stück Land geerbt hatte, einen Obstgarten mit Apfelbäumen und einen Weinberg hinter dem Gemeindebad gegenüber dem Stadion, aber der Verrückte, der einzige Nachkomme einer unbedeutenden und beinahe erloschenen Familie, der jenes Stückchen Grund mit niemandem hätte teilen können, hatte es verkommen lassen. So waren die Bäume, von Würmern befallen, eingegangen und die Reben von einer Krankheit namens Aschenbrand dahingerafft worden, worauf die ungeliebten und unbehausten Liebespärchen der Stadt jenen verwucherten kleinen Garten zu einem Liebesnest unter freiem Himmel verwandelt hatten.
So war der Dichter ohne sein Wissen und Zutun Besitzer eines Bordells geworden, in dem die Sünden zu mehr als der Hälfte unmittelbar im Angesicht des Himmels begangen wurden und das demnach dieser seiner Sünden zu mehr als der Hälfte ledig war.
Sobald er mit seinen Versen geendet und den Dank oder den verhohlenen Spott der Kinder mit traurigem Lächeln quittiert hatte, ging der Dichter weiter und hielt auf der Spitze eines Hügels inne, der der Stadt im Osten vorgelagert war. Auf jener Spitze über dem See, der ein schimmerndes Licht verbreitete, oder unter den kristallenen Schleiern des Schneefalls, gefeit vor neugierigen Blicken und kleinstädtischem Klatsch, zog der verrückte Dichter seinen rechten Schuh aus, streifte den Wollstrumpf ab, der an eine Henkerskapuze erinnerte, und kurierte durch geduldiges Verharren an der Sonne – wenn sie denn schien – eine bläuliche Wunde unbekannter Herkunft.
Während er wartete, sagte er gerne leise vor sich hin:
„Ja. Ihr fürchtet Krankheiten, die euch den Tod bringen können, und betet darum, nicht sterben zu müssen. Was bitte schön werdet ihr tun, wenn jene Krankheiten kommen, bei denen ihr euch den Tod sehnlichst herbeiwünscht, er aber nicht kommen wird, euch zu holen?“
Während er diese Sätze wiederholte, wenngleich sie den schweren Dunst der Teilnahmslosigkeit, der über der Stadt lag, keineswegs zu zerstreuen vermochten, vervollkommnete er seine einstweilen unveröffentlichten Gedichte und arbeitete an den noch ungeschriebenen sowie an den Gedichtchen, die er den Kinderchen rezitierte.
Die Wahrheit ist, diese seine Gedichte hätte jeder Säufer oder frisch verliebte Banause, wie sie in den Kneipen der Stadt herumhingen, aufsetzen können, aber keiner dieser vermeintlichen Rivalen war so verrückt wie der verrückte Dichter, und dieser fürchtete keinen Rivalen, wäre er auch noch so verrückt oder anders verrückt gewesen.
Im Schweigen jedoch, einem Schweigen der absoluten Art, konnte der verrückte Dichter gar keinen Rivalen haben.
Jahrelang hatten die Einwohner der Stadt den verrückten Dichter verspottet und ihn zum Inbild des harmlosen Trottels gemacht, der in seiner Verrücktheit wohnt, gebannt von der Überzeugung, daß er allen Unrat unserer weisen Welt von Grund auf kennt, eines Trottels, welcher dergestalt ein komisches Opfer aller möglichen Welten bleibt. Manche sagten, er sei vor Zeiten, als der Wolf noch Jungfrau war oder die Urgroßmutter ein Hündchen oder sonst etwas in der Art, weder Dichter noch verrückt gewesen. Nur ein einfacher, stattlicher, schüchterner Jüngling, der sich bis über beide Ohren in ein ebensolches Mädchen verliebt und es sogar geschafft hatte, sie zu heiraten. Das Mädchen war schön und sehr brav, vielleicht sogar braver, als es hätte sein müssen, und wohl deshalb hatte der künftige Dichter und Verrückte sie, ohne es zu wollen, in den glutvoll berauschenden Stunden der Hochzeitsnacht irgendwo in den Hals gebissen. Die frischgebackene Braut war, verletzt und entsetzt von jenem verzweifelten Versuch, dem Unsagbaren eine Sprache zu verleihen, heulend und laut fluchend in ihr Elternhaus geflohen. Dort befanden der Vater und die Brüder der Braut im Angesicht des blau unterlaufenen Belegs für das Unsagbare – das Zeichen sah aus wie eine Taschenuhr –, daß dem Bräutigam die Stunde geschlagen hatte, und machten sich auf die Suche nach derBestie.

„Du bist also sowas wie ein Hund, du Scheißkerl!“ brüllten die Rächer, als sie die Bestie gestellt hatten.
Und sie verabreichten ihm eine epochale Tracht Prügel von der Art, wie sie einen mit der Gabe auszustatten vermag, in Zungen zu reden.
Andere wiederum sagten, der Dichter habe sein Dichtertum aus ganz und gar anderen, viel banaleren Gründen entdeckt, als da wären abgründige Langeweile, wiederholter Streit mit den Nachbarn, die Erweiterung des Ozonlochs, der Ruin der Möbelfabrik, das Verderben des Weins in den Fässern, der Tod dieses oder jenes Führers, dieser oder jener Modeprinzessin, der offenkundige stückweise Ausverkauf des Landes der Vorväter usw.
Viele Winter nach dem Tag, an dem die Stunde geschlagen hatte und der auf dem öffentlichen Jahrmarkt der Meinungen in der Stadt schon zum Mythos geworden war, sah man den Dichter in den verwinkelten Straßen mit einer Schaufel in der Hand. Rezitiert hatte er schon für die Kinder der Weltkriege, für Pioniere und Demokraten, für Helden, Heldinnen, Veteranen und Tapfere, für strahlende Sieger und elende Verlierer; jetzt waren auch in der Stadt neue und irgendwie verständnisvollere, menschlichere Zeiten angebrochen.
Als sie ihn mit der Schaufel in der Hand sahen, verspotteten sie ihn gemeinsam nach dem alten Ritual. Sie sagten, er sei der schwarzen, weißen oder grauen Magie verfallen, er sei ausgezogen, die Stadt von einst wiederaufzubauen, die Zwischenkriegsvillen wieder zu errichten, die schon lange vom Erdboden des Gedächtnisses verschwunden waren; sie sagten, er habe begonnen, die Wüstenei des seiner Sünden zu mehr als der Hälfte ledigen Bordells zu bearbeiten, das er von den Vorfahren geerbt hatte; sie sagten, er sehe in der Schaufel ein Kreuz, die heiligen Gebeine irgendeines von den ausgemerzten Heiligen, eine Waffe zur Verteidigung, ein okkultes Heilmittel, eine gut beißbare Geliebte usw. usf.
Selbst mit der Schaufel in der Hand ließ er weder von den poetischen Spektakeln ab noch von den täglichen Spaziergängen oder der Behandlung der bläulichen Wunde unbekannter Herkunft. Irgendwann gelangten die Einwohner der Stadt zu der Überzeugung, daß der verrückte Dichter eher verrückt sei als ein Dichter, allerdings kein simpler Verrückter, sondern ein „verrückter Dichter mit Schaufel“. Das Gedächtnis der Stadt verblaßte auf die ihm eigene Art, sie begannen ihn anders wahrzunehmen, untrennbar verbunden mit seiner geheimnisvollen Schaufel.
Just von diesem Augenblick an ward der Dichter in der Stadt nicht mehr gesehen.
Er war verschwunden und brachte so seine Landsleute dazu, auch seiner zu gedenken, anfangs noch nachlässig, nur so, daß man mitreden konnte, mit leichter, wehmütiger Ironie, sofern die Ironie von Menschen, denen der Tod nicht mehr wer weiß was zu rauben vermag, überhaupt leicht und wehmütig sein kann, sodann mit jener ätzenden Neugier der Verbitterten, die ihre gute Meinung über das eigene Schicksal zu bestätigen suchen, indem sie sich an den erschütternden Einzelheiten fremder Heimsuchungen weiden.
Die Bärenführer, eine bis zur Scheeläugigkeit besoffene Horde, die gerade erst wieder ihr Lager in der Stadt aufgeschlagen hatten, rannten die Tür zu seiner Wohnung ein, um Knoblauch oder Schnaps oder Spiritus zu verlangen, trafen ihn jedoch nicht an. Um ihn aus dem Keller seiner Angst zu scheuchen, setzten sie ihre Bären als Spürhunde ein, doch die Witterung der Hunde war durch die Alkoholdünste schon abgestumpft. Sie suchten ihn dennoch, scheeläugig, wie sie eben waren, weshalb sie immerfort zusammenstießen, gegen Türen, Wände, Bäume prallten, Treppen hinunter und über Bären oder Hunde stürzten, was scherte es sie, schließlich gaben sie die Nachforschungen auf. Andere Nachbarn suchten ihn bis in den letzten Winkel der Stadt, am Ufer des Sees, auf dem Friedhof, im Irrenhaus, im Knast, bei allen berüchtigten Huren, in den grauen Fluten des Sees in der Erwartung, jeden Augenblick seinen von Fischen angefressenen Leichnam auftauchen zu sehen, vergeblich. Es mußten noch geschlagene zwei Wochen vergehen, zwei der wunderbaren Wochen jener Stadt mit einem „verrückten Dichter mit Schaufel“, die seit zwei Wochen niemanden hatte, den sie wohlfeil verspotten konnte, bis schließlich der langerwartete Kadaver gefunden wurde.
Drei Monate lang, immer zur Stunde der Dämmerung, hatte der Dichter nach und nach in einer weniger besuchten Ecke des von den Vorvätern geerbten Bordells eine Grube ausgehoben. Eines Abends im Herbst, da auch die illegitimen und obdachlosen Pärchen ausblieben, war der Dichter in aller Ruhe in die im Verlauf geschlagener drei Monate ausgehobene Grube gestiegen und hatte sich – wie, vermag niemand zu sagen – mit dem ererbten Erdreich, das er mit niemandem hatte teilen können, zugedeckt. Keines der Pärchen verlor auch nur ein Sterbenswörtchen über jene Mulde, die sich Abend für Abend tiefer senkte; einige versteckten sich sogar darin, wenn eine Polizeistreife vorbeikam. Es fiel den Einwohnern der Stadt auch ziemlich schwer, nach dem Ableben des verrückten Dichters mit der Schaufel zu begreifen, wie der Tote es geschafft hatte, sich so gut mit Erde zuzudecken, fast so gut, wie ihn ein Totengräber vom Fach oder irgendein anderer lebendiger Mensch zugedeckt hätte.
Die Einwohner der Stadt warteten sodann ab, ob der Dichter ihnen irgendein erschütterndes Zeichen wie von einem verkannten Genie hinterlassen hatte, irgendein Zeichen, das ihnen ermöglicht hätte, seiner in vollkommen heiliger Ehrfurcht zu gedenken wie großer Künstler oder Helden, irgendein Zeichen, das ihnen ermöglicht hätte, leichter über die unerwarteten und unbarmherzigen Gewissensbisse hinwegzukommen. Eigentlich hatten sie ein Leben lang gerade dies erwartet: ein Zeichen, damit sie ihn hätten vergöttern, in den Himmel heben können. Doch der Dichter hatte kein Zeichen hinterlassen, außer der Schaufel. Eine Schaufel, die neben der Grube aus der Erde ragte wie eine zerbrechliche welke Hand, die zum Abschied winkte und Kommentare einfach wegwischte.

Der albanisch- und rumänischsprachige Schriftsteller, Übersetzer, Verleger und Herausgeber der Zeitschrift „Haemus“ wurde 1969 im albanischen Pogradec geboren. Als Promotionsstipendiat der Rumänischen Kulturstiftung, des heutigen Rumänischen Kulturinstituts, kam er 1991 nach Rumänien und begann 1996 parallel zum Albanischen in rumänischer Sprache zu schreiben. Der Philologe und Theologe arbeitet in Bukarest als Universitätsdozent.
Sein schriftstellerisches und essayistisches Werk ist in mehr als dreißig Bänden zu etwa gleichen Teilen in albanischer und rumänischer Sprache erschienen.
Theater und erzählende Prosa weisen ihn als einen „magischen Realisten“ balkanischer Prägung aus, der die Vielfalt der südosteuropäischen Kulturlandschaften auf reizvoll verstörende Weise gestaltet.