Der Schreck der Spiegel


Ich bin sicher, dass an dem Tag, an dem ich geboren wurde, eine unbedeutende Schnecke eine Reise um das Land und um die Zeit begann. Denn an jedem Geburtstag begibt sich eine Schnecke auf die Reise oder beendet die Reise, was eigentlich dasselbe ist.
Ich wurde an demselben Tag mit einem der erschreckendsten Sprichwörter, die es seit der Erfindung des Rates gab, geboren, sagte er nach einem Viertel Kognak. Er trank immer meterweise, dass heißt, er stellte die Gläser eins nach dem anderen in einer Reihe auf, trank sie leer, und bildete sich so ein, ein Meter weiter zu dem Geheimnis des Gesehenen zu kommen, aber er wußte nicht genau, wieviel Meter Kognak ihm noch bis zu dem Geheimnis der Geheimnisse blieb, eine Zone, in der das Gesehene sich auszog, und zum Ungesehenen wird. Das war auch das große Geheimnis seiner Trunkenheit und nicht der sehnlichste Wunsch oder die nicht kontrollierbare Unfähigkeit, sein, in den Gefängnissen verschwendetes Leben zurückzugewinnen, Leben, das er eigentlich “Wiederfinden in der Einsamkeit der balkanischen Gene” nannte.

Er wurde ganz oben, in den Bergen geboren, in einem Dorf, das näher der sublimen Schönheit des Todes ( das Fehlen jeder körperlichen Tyranie) als den Tagen des Menschen lag, und er war das einzige Kind, seit der Erfindung des Gewehres vielleicht, dessen Geburt nicht mit einigen Schüssen in die Luft angekündet wurde.
Er kam zwei Monate zu früh auf die Welt, und keiner der Männer seiner Sippe stieg nach unten, in die nächste Stadt, um die Kugeln für die nächsten Monate zu verschaffen.
Als die Kunde verbreitet wurde, dass eine der Frauen jener Sippe einen Jungen geboren hatte, aus uralter Trägheit, nahmen alle Männer die Gewehre und versuchten ihre Freude durch Schüsse in die Luft auszudrücken.
Aber sie hatten keine Kugeln.
Es war eine beschämende Sache, ein wahres Unglück, dass ein neugeborener Junge seinen schweren Weg ins Leben nicht mit den gewöhnlichen Kugeln beginnt; mit dem Schweigen der Kugeln kündet man nur die Geburt der Mädchen an.
Durch den Brauch des Schießens besangen vielleicht die Alten, die seit zwei oder drei Jahrhunderten stumm sind, die eventuelle Erstarrung des Lebens der Neugeborenen oder eröffneten ihm einen Weg im Himmel, von Anfang an warnend und diejenigen Engel beseitigend, die ein doppeltes Spiel treiben, indem sie auf dem Weg diejenigen, die zu Gott gehen, verdauten.
So mußte ich also meinen Weg allein finden, ohne die mystische Hilfe der Kugeln, sagte er. Erstarrt in dem steifen Hof des Hauses, hatten mein Vater, meine Onkel und Vettern, bemerkt, wie schön der Himmel ist. Es war vielleicht das erste Mal, dass sie versuchten nicht in eine bestimmte Richtung, zu dieser Wolke oder zu der Vielseitigkeit der alpinen Farben zu schießen, und der Vater hat das Fehlen der Kugeln gesegnet, indem er sagte: “Wer sein Gewehr gegen den Himmel hebt, wird verpflichtet sein, Gott zu treffen.”
 Aber mit Gott spaßt man nicht, als Beweis ist sein unendliches Mitleit nach sovielen dummen Schüssen, die den Himmel zerlöchert haben, so dass das Licht der Sonne einem Schneefall nach dem Zerstückeln eines Gottes gleicht.
Aber das Sprichwort, an demselben Tag wie ich, geboren sagte der Professor, ist von einem betäubenden Lakonismus, ein Schritt von der Weisheit des Stummseins entfernt.
Der an demselben Tag mit dem Fehlen der Kugeln und dem Sprichwort Geborene, wurde “Folklorelehrer” getauft; er war schon alt, mit hellblauem Teint
des verspäteten und verpflichteten Heiligtums und mit jenem Strabismus - zwischen unmitleidiger Schlauheit und großartiger Güte- die er in den fünfzehn Jahren schweren Zuchthauses erworben hat.
Ich trank immer meterweise, in der nobelsten Kneipe, die nach der Hauptstadt der Zwischenkriege geblieben ist, und niemals vergaß er mich mit erstmaligen Legenden, aufwiegenden Versen zu faszinieren, oder ganz einfach mit jenem blendenden Schweigen, dass dich verpflichtet, zum letzten Sinn der Dinge zu gehen, die Asche nach dem Tod der Worte einatmend.
Es war schon zu spät, als dass der Tod oder das Leben ihn mit etwas erschrecken könnte, aber an einem Herbstnachmittag, nach zehn Zentimeter Kognak, habe ich festgestellt, dass immer etwas höher als unsere urväterlichen Schrecken erscheint; für ihn hatte das Leben und der Tod schon lange denselben Preis, sie waren wie zwei Schwestern, aneinandergeklebt, aus demselben Herzen lebend, aber außer dem Schrecken, der von ihnen kommt, erhebt sich eine andere Erfindung des Menschen: der Spiegel.
- In den letzten vierzig Jahren habe ich nicht in den Spiegel geschaut - hat er mir gestanden. Wußtest du das nicht? Habe ich dir nicht von den Spiegeln erzählt?
Er hat mir nie etwas von den Spiegeln erzählt.
Auf meine Frage: “Warum haben Sie in diesen vierzig Jahren nie in den Spiegel geschaut?”( davon mußte ich eine Garnitur von fünf oder zehn Jahren abziehen, die er für seine Notwendigkeit brauchte, zu schockieren), antwortete er mir ganz einfach: “Ich weiß nicht, was aus ihnen herauskommen kann, was man in ihnen verlieren kann…”
Es war das erste Mal als die Angst vor einer Überraschung, die tötlich sein kann - mir irgendwie verrückt erschien, eine nicht männliche Angst, aber bis dann, von denen vielzähligen Spiegeln meiner Jugend, trat nur ich ein, und daraus kam nur ein Junge, der immer mehr zum Mann wird, (gewachsen und verschönert wegen des Trauers oder der Kugel; hätten die Alten gesagt), immer hübscher, und in einem gewissen Augenblick so hübsch, so das er das seltene Glück hatte, dass dem Schicksal, in seiner mathematischen Genialität, eine Rechnung aus der Hand fiel und dass es demjenigen Jungen nicht geholfen hat, die Hand auf die illegale Pistole des Großvaters zu legen und sein Gehirn von viel unerträglicher Schönheit zu klären (oder zu lüften).
Der Folklorelehrer war nicht so hübsch, war eigentlich nie ein aus dem Gemeinen heraustretendes Gesicht; er hatte nur ein Aussehen von Demut, ganz ohne Sinn, von den auf Unrecht bestraften Sträflingen, im Busch.
Es war unmöglich zu glauben, dass er vor seiner innerlichen Schönheit erschrickt, die von so vielen Enttäuschungen und Demütigungen ohne Gleichen durchfurcht ist, aber es war leicht zu glauben, dass er einige heimliche Türen zu anderen Welten im Spiegel sah. Durch ein unerwartetes Zerbrechen könnte sich die Vielzahl der nichtgewußten oder uns verbotenen Dinge über uns ergießen, und wir über sie, in einer noch nicht veröffentlichten Dummheit oder Verlorenheit, und die Neugier (die uns Balkaner verhindert, uns das Laben zu nehmen, wie er sagte) sagte mir, noch zwanzig Zentimeter Kognak zu bestellen.
Weil die Priester noch im Gefängnis waren, durch das Gesetz begraben oder entheiligt, und weil keiner der Sterbender der Hauptstadt sich weder zu fremd noch zu nahe erwiesen hatte, als dass der Professor ihm kuriöse Begebenheiten anvertrauen konnte, hatte er eben an mir jene Ruhe gefunden, die in gleichem Maße den illegalen Priester mit dem Mann, der niemals Spion werden wird vermischt und mit der ziemlich diletanten und verinnerlichten Person dass dir nicht alles geglaubt wird, aber ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, im stillen sich über das Gehörte zu amüsieren.
Er nannte dies das Drittel der perfekten Kommunikation.
Es war an einem Herbstabend, betrunken von jenen einfachen und stillen Farben, die dein Denken treiben, die langsam, aber sicher die Grenzen der Persönlichkeit verwischen, und du wirst nicht glauben, was für ein Leben du gehabt hast; die zwanzig Zentimeter Kognak, zusammen mit einer generellen Nostalgie, wie eine stumme Beichte schon vergebener Sünden, öffneten mir das Tor zu dem besiegbaren Norden des Landes, zu jenem felsigen Strand in seiner gläsernen Stille eingeschlossen, verschneit und abstoßend wegen dem Fehlen der überflüßigen Worte, in jene fabulöse Stille, in der die Berge und das Gestein, die Gestalten der Vorfahren annahmen, um vielleicht den Gebeten eine Hoffnung zu geben.
Der Professor hatte eine tiefe Stimme, so wie eine Geige oder eine erkältete Panflöte, eine Stimme in der man die Leeren des Zuchthauses, die Niederlagen, der Besiegtheit des Lebens durch Absagen ans Leben, der ermüdenden Erwartungen hören kann, eine Stimme, die dich, durch ein Delir, das wegen der langen Zeitspanne ruhig scheint, in geschlossene, heimliche Räume einführt. Ich wußte, dass er einer der gelehrtesten Männer der Zeit war; er kannte einige Fremdsprachen perfekt, kannte die Bibel und den Koran im Original auswendig, die Comedia Divina, den Talmud und Mahabharatta, und ich war natürlich geschmeichelt von der Tatsache, dass so eine Persönlichkeit gerade mich als Hörer auserwählt hat. Mich entfernte nicht die Wahrheit, dass viele Menschen wie er - ohne zu verstehen oder zu akzeptieren, dass der Ruhm der Jahrtausendendes verflogen ist, die Kinostars und die Erfinder kleiner Dinge umwindend, durch die das Fehlen der Utopie die Arbeit der Seele zu machen versuchte - konnten es kaum erwarten einen Schriftsteller zu finden, ihn einzufangen, besser gesagt: ein Verewieger ihres Martyrismus, das von allen Preisen, Dokumentarfilmen oder Erfolgszeitungen unbeachtet blieb - und es war seine einzige Verrücktheit (oder Kinderei) die seiner reichen Kultur etwas von einem irdisches Gedicht gab. Außer dem Kognak.
 Er erzählte mir, dass er ganz zufällig, dank einer dieser heiligen Begebenheiten, vor fünfundvierzig Jahren einige Manuskripte, einige Volkslieder aus dem Norden in die Hand bekam.
Es waren einige sehr wertvolle Manuskripte von einem Franziskanerpriester, der die Folklore des Nordens gesammelt hat, und der wurde gleich nach der Befreiung des Landes mit Dynamit in die Luft gesprengt, vor allen Gläubigern, damit man klar sieht, dass Gott nicht existiert, denn wenn es ihn gäbe, ist er zu blind, was einige seiner Diener hier betrifft. In diesen Manuskripten war die Rede von einem Dorf, der Welt verschlossen, irgendwo in den “Verdammten Höhen”, wo ein langlebiger Geiger, aus den Zeiten der Drachen und Feen, seine Schönheiten mit einer ungewöhnlichen Stimme besang, so dass auch die erfrorenen Bäume ohnmächtig wurden.
Die Kommentare stammen von dem Professor. Das was die Kugeln zu tun versuchten, gelang, ohne zu wollen, der Stimme des Geigers; so lange wir einen Körper haben, werden wir nie die unvergleichbare Kraft der menschlichen Stimme erkennen, sagte er. Was anders ist die Apokalypse, als eine Stimme, die in verschiedenen Tonarten zu uns kommt, um uns in allen Schichten gleichzeitig zu reinigen?!
Dasjenige Dorf, mit fünfzig Steintürmen, mit stillen Menschen, mit Gewehren, Rachen, Frauen, Pferden, Hühner, Kühe, u.s.w, mit einem sehr einfachen und ärmlichen Leben, so dass das Huhn Steine frißt, und die Hühnereier sahen aus wie ein Regen von himmlischen Steinen, oder wie versteinerte himmlische Zeichen… also hatte das Dorf eine besondere Hhierarhie der Werte: die teuerste und beliebteste Sache war das Gewehr. Es ist interessant zu sehen, ob dieser Kult für das Gewehr etwas mit unserem Durst nach Macht zu tun hat, oder mit der genetischen Müdigkeit, die aus den vielen Laster der Geschichte stammt, die uns vielleicht überzeugt hat, bis ans Ende der Jahrhunderte, dass uns immer jemand oder etwas angreifft, immer werden wir ohne das bedeutendste Glied geboren: das Gewehr. Es ist erwiesen, dass wir, Albaner, das Volk mit der kleinsten Selbstmordrate in der Welt sind. Unter dem, was uns anzieht oder uns zum Selbstmord führt, ist unsere Scham zu fallen, wir können gar nicht fallen; oberhalb dessen, kam man nur durch den Tod kommen; der Tod verspätet sich; wir erwachen in jedem Augenblick zum Überleben verdammt… Also hat der Kult des Gewehres nichts mit dem Schrecken vor dem Leben, mit dem Abschen vor der Wiederholung der Dinge, auch nichts mit der totalen Freiheit, die in jedem Augenblick gesichert ist, von der Möglichkeit aus dieser Welt mit einer Kugel zu fliehen, zu tun… Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich glaube ich brauche noch so zehn Zentimeter Kognak, was meinst du? Ich sage, ja. Wir sind um weitere zehn Zentimeter seinem Ziel nähergekommen. Es scheint, dass das Gesehene, an jedem Herbstabend, an einer Stahlschamhaftigkeit leidet.
Zwei Jahrhunderte lang, bildete sich im Dorf eine Art ewiger Garten, wo der Stammbaum der Gewehre gewachsen ist: sein höhster Zweig wurde in ein Gewehr verwandelt. Genauso, in diesem Dorf, hatten alle widerwilligen Arbeiten einiger Generationen von Männern, die eine Gewehrfabrik errichten wollen, einen großen Erfolg. Es war eigentlich eine Galerie, eine Art Atelier zur Erzeugung von Gewehren und Kugeln; genau dann kam das Wort “Schaffen” in das Wörterbuch der Einwohner. Seit dann sagte man nicht mehr: ”Man macht Gewehre, man erzeugt Gewehre, es werden Gewehre gebaut, u.s.w”, sondern nur “Man schafft Gewehre”, das Schaffen ist eine Kunst, ein palpitanter, überspannter Raum, bewegt von dem Zauber der, von den engen Grenzen der Welt, gequälten Seele, ein stummer Ausbruch. Das Lied besingt ein ganzes Universum von Gewehren, der erfinderischsten und verrücktesten Modelle: in Form von Frauen, Füchsen, Schlangen, Kiefern, Flaschen, Zigaretten, Händen, Schwerter, Stöcken, Pfeifen, Rauch, Schlüssel, u.s.w, sowie auch Kugeln in Form von Eier, Zungen, Oliven, Erdnüssen, Augen, Zähnen, Stille, u.s.w. sie kamen bis zur Schaffung von Gewehren und Kugeln aus Silber. Man sagt, es waren auch drei Gewehre aus Gold. Der Frieden des Dorfes, auf der andere Seite, wurde nur von den gewöhnlichen Rachen und dem dazugehörenden Weinen unterbrochen, während die Ziegen, die Bären, die Wölfe, die Vögel und die anderen Tiere ruhig lebten, denn die Dorfbewohner betrachteten die Jagd als eine Sünde. Schade um die Kugeln, die man auf die Tiere schießt. Auch so schließen die Tiere in sich Menschenseelen ein, die wer weiß welche zum Himmel schreiende Sünden begangen haben. Vielleicht hätte sie das Erschießen erlöst, oder es hätte sie in noch schwerere astrale Räume eingeschlossen, in einem Augenblick, wurde diese verlassene Gebirgszone, eine Art Silberherz des Balkans, eine Art gesegnete Tasche des Reichtums. Je vollständiger die Gewehre und die Kugeln wurden, um so mehr entfernteten sie sich vom Stamm, um so seltener wurden sie gebraucht, um so weniger Menschen starben. Hunderte Reisende, Tausende Nachtbarn, Fremde aus unbekannten Stämmen, die in seltsamen Sprachen oder Zeichen redeten, machten im Dorf halt und wollten je mehr Gewehre kaufen, je mehr Arten von Gewehren und Kugeln, und waren bereit sie nicht nur mit reinem Gold, mit Silber zu bezahlen, sondern auch mit schlüpfrigen Ergötzungen mit Frauen, die sie von weither brachten.
Aber was anderes können wir mit Gold und Silber machen - sang der Geiger - wenn wir daraus nur Gewehre und Kugeln machen?
Ihr sollt andere Gewehre und Kugeln machen, antworteten die Angekommenen.
Im Laufe der Zeit, sagte mir der Professor, gelang die Kunst auf ungeahnte Höhen,und einer der Käufer, ein bekannter Schriftsteller des damaligen Europas, begann zu sagen: “Sie sind so schön, dass man Mitleid hat, mit ihnen zu schießen. Es ist, als ob man mit Frauen schießen würde…” Die Dorfalten sagten, dass diese Entwaffung durch die Vollendung des Schaffens, indirekt andere Länder und Horizonte aufrüstet.
Also, man soll den Verkauf einstellen.
Und der Verkauf wurde eingestellt.
Das ganze Gold und Silber des Dorfes, sogar das aus dem Verkauf gewonnene, wurde in Gewehre und Kugeln verwandelt, und die Dorfbewohner sind zu ihrem vorigen Leben zurückgekommen, in die Einfachkeit und den Glauben der Urgroßväter.
Die Rachen und Totengesänge lagen jetzt in den Lagern des Dorfes, in Form von Munition aus kastbarem Metall. Es war schade, mit sovielen herrlichen Frauen zu schießen.
Noch zehn Zentimeter Kognak, bitte! Ja.
Die kostbarste Sache nach den Gewehren, waren seit jeher die Frauen. Die Hierarhie brach zusammen, als ein Dorfbewohner, aus der Wanderschaft, aus China, oder man weiß nicht genau woher, eine Plakette Himmel oder eingefrorenes Wasser verblendend klar, ins Dorf brachte, darin könntest du dich wie in einem Spiegel sehen. Die Dorfbewohner nannten sie “Spiegel”. Aber sie war gar nicht leicht zu machen, so wie die Gewehre. Die verzweifelten Bemühungen der Gewehrmeister sind auch an jener bäuerlichen Euphorie des Gewehrmachens zerplatzt, und im Dorf blieb fünfzig Jahre lang nur ein einziger Spiegel, der von dem Wanderer gebrachte, man weiß nicht genau aus welchem Land Gottes. Nach einer feierlichen Versammlung waren sich die Dorfbewohner einig, dass sie sich darin nach einer gut definierten Reihefolge sehen werden, am Anfang die Alten (sie sind dem Verlust des Augenlichtes am nächsten), dann die Jugendlichen und Kinder. Man entdeckte schnell, dass der Spiegel dich sehr leicht verrückt machen kann, und, weil die Alten mit den Schmerzen eher fertig werden konnen, waren sie gleichzeitig gesterlich geschützt, und sowieso weniger wichtig im Falle eines Verrücktwerdens.
So, sang der Geiger, fiel das “Fest des Spiegels” unter uns.
Die Zeiten vergingen in Frieden und Glaube, bis dann, als ein fremder Stamm mit diesem Dorf in Verbindung treten wollte, doch das war viel schwerer als einen Spiegel herzustellen.
Jeder Fremde mußte zuerst den Test mit dem Spiegel bestehen, damit er im Haus der Reichen des Dorfes aufgenommen wird. Es scheint, dass die ersten fremden Vertreter nicht gleichzeitig hübsch waren, also in der Realität und im unerbittlichen Spiegel; sie trugen ohne zu wissen “ein kriegerisches Leuchten” in den Augen; und sie wurden nicht im Gästehaus aufgenommen. Später versuchten andere Fremde, auch Nachtbarn sich mit den Dorfbewohner des Spiegels in Verbindung zu setzen, aber es gelang ihnen nicht. Der Geiger klärt uns nicht deutlich auf, ob sich die Dorfbewohner von dem Erfahren des Geheimnisses der Gewehre fürchteten, oder vom Verlieren des Ruhmes als unbesiegbare Meister der Gewehre, oder ganz einfach waren sie von den sichtbaren Unterschieden zwischen sich und den Fremden eingeschüchtert.
Der Geiger, von dem nichts ausser seiner bezaubernden Stimme blieb, nur die Verse, sagte uns, an einem gewissen Moment, dass sich die Dinge ganz schlecht verzwickt haben, und das Goldene Gesetz der Berge wurde mit der Verbietung durch den Tod der entfernten Heiraten erweitert; keiner der jungen Männer und Frauen soll Opfer irgendeines Fremden werden. Und wie das Gesetz heilig ist, haben die Leute drei oder vier Generationen lang nur untereinander geheiratet. Ich weiß, dass du eine Geschichte mit Drachen und Monster erwartest, sagte der Professor zu mir, schon schwindlich von so weitem Weg. Eh, du sollst erfahren, dass weder ein Drache noch ein Monster da war. Es war Frieden, Einfachkeit und Stille, bis die Kleinen der dritten oder vierten Generation der Gewehrmeister auf die Welt kamen. Sie glaubten, das Gewehr sei nur eine äußere Verlängerung des Gehirns, genauso wie die Hände, die Genitalien und das Getränk, und die Kinder sind nichts anderes als unabhängige Verlängerungen unseres Lebens auf der Erde.
Was war unglaublich? Dass alle Mädchen waren.
Alle waren Mädchen!
Unglaublich: alle waren von einer deprimierenden erkrankenden Schönheit, eine Schönheit die dich mehr betrübt als alle andere traurigen Sachen, als jeder Mord, jedes Glück oder Unglück.
Nicht so sehr durch die Vollkommenheit der Züge, durch die seelische Unmöglichkeit, sie kennenzulernen, oder durch die quälende, strikt menschliche Impotenz, sie zu haben, so wie das sich gehört. Ganz einfach, sie waren unerwartet schön, unvorstellbar fremd. Ich vertraue es dir an: sie waren erstaunlich, wie du nicht weißt, das Schönheit sein kann, sie entstanden in Erkennungsräumen, wo wir erst nach einem Jahrhundert oder nie ankommen werden… Man kann sagen, sie wurden genau an der zerbrechlichen Grenze zwischen den beiden Welten geboren… Das Goldene Gesetz der Berge beschloß schon lange vorher, dass das Leben eines Menschen, egal wie häßlich er ist, mit eines anderen Menschen Leben bezahlt wird. Aber diese fremden Jungfrauen haben unzählige Leben Häßlicher und Schöner genommen - fast alles was der im Herstellen der Gewehre erreichte Gipfel gespart hat - so dass man keine Häßlichkeit oder Schönheit mehr finden kann, sie zu bestrafen.
Verstehst du mich?
Er schien sehr verwirrt. Er suchte etwas in den Taschen.
Der Geiger sagte, dass die Berge von Wesen aus anderen Welten bewohnt sind, von Feen, Priester, Verschwörer, unglückbringenden Vögel, Geistern, mitleidigen Phantomen der Krieger und natürlich Unsterblichen.
Die Begegnung mit ihnen könnte katastrophale Folgen haben.
Du könntest deine Stimme, dein Sehen, deine Virilität verlieren, abgesehen von der Tatsache, dass sie dich mit einem einfachen und unschuldigen Blick versteinern könnten, oder sie könnten dich entgültig verrückt machen, mit einem einfachen Lächeln…
Sie, die schönen Jungfrauen taten den Dorfbewohnern nichts Böses, außer dass sie sie nicht als ihre Eltern ansahen, aber es ist dreimal geschehen, dass sie den Feen begegnet sind, und seit dann liegen in den nördlichen Höhlen, in einem unendlichen Gebet, drei Feenstatuen, aus Marmor, so rein wie eine Träne.
Unglaublich: die außerirdischen Jungfrauen waren alle verrückt! Sie machten keinen Lärm, riefen nicht nachts, waren nicht agressiv, töteten niemanden, bedrohten nicht, sprachen keinen Unsinn. Sie waren nur verrückt. Es gibt auch eine schwer erkennbare Verrücktheit, etwas über der der Artisten gelegen, eine seltsame, aber es ist reine Verrücktheit.
Natürlich wollte ich gerne eine Verbindung mit den schönen Jungfrauen machen, aber ich hatte Angst, fast genau so seltsam wie sie, wie die des Professors vor den Spiegeln. Ich dachte, ich landete bei einem seiner zahlreichen poetischen Sprüngen, eine Sache mit dem Veraltern oder dem Überholen des menschlichen Wesen (oder der Wange), das Verschmieren der ursprünglichen Schönheit, das schon unermessbare und unwiderbringliche Entfernen vom Himmel, u.s.w. Die Tatsache, dass eine jener Jungfrauen, indem sie ganz einfach in den Spiegel des Dorfes sah, in einen schwarzen Staub wie Onyx verwandelt wurde, hat mich nicht gerührt. Der Schreck der Dorfbewohner, ihr jetzt von Drachen durchflogener Schlaf, nichtgesehene Farben, erregte oder erschreckende Laute, haben mich ebenfalls nicht gerührt. Bitte, erwarte nicht arhaische Einbildungen mit Spiegel- Türen zu anderen Welten oder zu anderen Wesen, mit zu kindischen, verbannten Seelen, Seelen die von drüben herschauen oder aus uns, auf diese oder jene Welt, ohne das zu sein können, was sie nicht sind, ohne etwas kosten zu können… Ich wollte dir nur erzählen, wie ich achthundert Meter unter diesem Dorf, fünfzehn Jahre lang, Stunde auf Stunde, Kohlen, Stein für die Grundmauern und Gedanken der Balkaner schleppte. Fünfzehn Jahre lang, bevor man uns zum Bau der Piste des nationalen Flughafens führte.
- Kennst du die Geschichte der Schnecken? Kennst du sie nicht? Habe ich dir nie von den Schnecken erzählt?
Ich beeilte mich ihn zu fragen was mit den herrlichen und fremden Jungfrauen geschehen ist, wie sie gestorben sind, - denn gestorben sind sie, mit Sicherheit wurden sie erschossen - und auch mit jener merkwürdigen Gewehren: Schönheit getötet durch Schönheit, wie nur das schöne Leben sich selbst töten kann; aber ich war stumm, eingenommen wie so oft, von jenem geheimen Schweigen, wo alle Merkwürdigkeiten und profane Keinigkeiten stumm werden. Vielleicht war das das Schicksal der Erzählungen und ihrer Zuhörer: der Tod, das Verschwinden jeder Fragen.
Der Professor suchte immer noch etwas in den Taschen.
Du fragst mich vielleicht, was mit ihnen geschehen ist… Es geschah, dass ich eines Morgens in den Spiegel der Hauptmannschaft sah, und ich weiß auch heute noch nicht, wie er zersplitterte und wie ich meine Meditation in der Isolierungsstrafanstalt, einen Monat lang, wegen vorbedachter Deformierung des Eindrucks der führenden Partei, fortsetzte!
Er fand in den Taschen was er suchte. Er hielt seine Faust fest geschlossen.
Es folgte jenes Schweigen der menschlichen Hilflosigkeit, einige Episoden zu schlucken, bei denen auch der Teufel, in eigener Person, ersticken könnte. Er gestand mir, mit hängendem Kopf, am Ende dieses harten Weges, dass er mir all diese Geheimnisse gesagt hat, weil er sicher ist, dass bei mir nichts stirbt, nichts verfault. Er ließ mich nicht heuchlerisch sein, indem er mir sagte, dass von allen seiner Zuhörer, die fast eine Armee von zukünftigen Versager sind, nur du dich über das Gasagte lustig machtest, in dem ehrlichsten, kindischsten Erstaunen. Ich wollte ihn aus ganzem Herzen überzeugen, dass ich mich über das Gesagte nicht lustig machte, aber er erstarrte mich mit einem milden, verstehenden Blick, der mich zerstreut hätte, wenn ich ein Spiegel gewessen wäre, und flüsterte mir mit seiner Stimme wie eine alte Geige oder eine erkältete Panflöte zu: “Vergiß nicht, wenigstens ein Millimeter Weg zu bringen… Es ist sehr leicht, es ist eine Freude zu denken, wie ein elendiger Folkloreprofessor oder -häftling sich in Gedanken seit Ende des zweiten Weltkrieges rasiert…”
Ich habe drei Zentimeter Weg dazugegeben.
- Sei aufmerksam - fuhr er fort. Ich vertraue dir jetzt die Schnecke meines Lebens an oder das Leben meiner Schnecke, wie du willst.
Er offnete die Faust und legte eine Schnecke auf den Tisch.
- Wir haben uns an der Piste des nationalen Flughafens kennengelernt; dort habe ich sie gefangen; die Arme hat kaum begonnen sie zu überqueren. Seit dann sind wir Seelenbrüder geblieben. Sei aufmerksam! Ich fehle eine Weile aus der generellen Erwachung, aber ich sterbe nicht. Ich bitte dich, sorge dich um sie. Füttere sie und führe sie auf einen kurzen Spaziergang. Gut?
- Womit soll ich sie ernähren?- habe ich gefragt. Ich habe keine Ahnung, was Schnecken fressen…

- Geschichten, - seufzte er. Aber nicht die schlechten. 

Translated from the Romanian by: Cristina-Mihaela Fometescu